Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 56 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Umschau: Literaturgeschichte mittelalterliche Dichtung bemüht haben, enthält tiefere Bürgschaften für ein etwa wiederkehrendes Begreifen ihrer dauernden Größe, als bisher die sich an die Texte drängenden und sie im Namen einer imaginär gebliebenen Belebung vergewaltigenden Uebersetzer geboten haben. Dazu kommt, daß gewisse historisch verständliche Vorurteile in der Bewertung populärer oder auch unzugänglicherer Provinzen unseres Schrifttums noch bis heute mit der ärgerlichen Hartnäckigkeit sich behaupten, die der Urteilsschwäche innewohnt, und die desto schwerer zu beseitigen sind, als die davon betroffenen Texte oft in den unmöglichsten oder auch gar keinen Ausgaben vorliegen oder eben durch schaurige Uebersetzungen kompromittiert sind. Der deutsche Piut, die Mussarliteratur der späteren Jahrhunderte, die wunderbaren Berichte der Abenteurer sind nicht anders als das ganze große mystische Schrifttum die Opfer dieser Vorurteile geworden, und es verdient von der anderen Seite wiederum hervorgehoben zu werden, daß in dem oder jenem schon die bescheidene und doch großartige Arbeit der Philologen genügt hat, einem verstaubten und im Grunde wenig geschätzten Werk seinen vollen Glanz wiederzugeben und ihm die Begeisterung der Einsichtigen zuzuwenden, die im Osten nie erstorben ist, wie es Friedmann durch seine Edition des „Tanna de - be - Elijahu" oder Wlstinezki durch die des „Sefer Chassidim" getan haben, von Werken also, deren „Leben" jenseits ihrer Eignung als Quelle kulturhistorischer Arbeit der Literaturwissenschaft nur eben noch dadurch bewußt geblieben war, daß aus ihnen einige apologetisch verwendbare Zitate im Kampf gegen den Antisemitismus zu entnehmen waren. Jene Literatur kreise, die vom apologetischen Standpunkt aus unergiebig oder gar widerhaarig waren, sind lange mit einiger Verlegenheit behandelt behandelt worden oder blieben auch wie die Kabbala, die erst von den Religionsgeschicht- Iern wieder als ein legitimer Gegenstand der Forschung scheint bewiesen werden zu müssen, vernachlässigt.*) Eine positive Stellung zu all diesem, wie sie sich jetzt im Zusammenhang einer allgemeineren Bewegung in steigendem Maße einstellt, — der ach so problematischen Hoffnung auf die Unanwendbarkeit des Präsens in diesem Satze sind die hier folgenden Ausführungen entsprungen und geweiht — diese positive Stellung also wurde mehr bei Solchen gefunden, die Im Grunde nur höchstens eine halbe Kenntnis von dem, was sie lobten, besaßen, und es ist wohl eine etwas triste Relation, daß die Kenntnis der Texte ziemlich lange in einer *) Ein Forscher vom Range Abraham Geigers erklärte sich durch tödliche Langeweile für verhindert, den Sohar zu lesen. umgekehrten Proportion zu ihrer Schätzung gestanden hat, aber auch sie war eben nur eine in jenem System sonderbarer Beziehungen, in denen sich die unsere Geschichte und unser historisches Wesen verzaubernde Funktion der Wissenschaft vom Judentum bestimmen läßt. Nun aber soll sich das Dunkel lichten. Der Begier unserer Generationen nach Be^ lehrung plfpöö WM> HTlfl) versprechen immer mehr Arbeiten entgegenzukommen, die wenig oder selbst gar nicht Bekanntes der Betrachtung vorzuführen oder Gold ohne Schlacken heraufzubringen streben. Wenn die Entdeckung einer Lyrik der Kabbala sich bestätigt, die Meier Wiener in einem Buch zu legitimieren unternimmt, wären wir um die Hoffnung auf ein neues Gut, wenn nicht um dieses selbst bereichert. Einige Auseinandersetzungen über oder im Anschluß an diese Arbeit und ihren Gegenstand v/erden vielleicht, so sehr sie den Satz, daß unser Erbe ein gefährlich Ding ist, bestätigen werden, nicht ganz ohne Nutzen sein. Die Notwendigkeit, die Wiederbelebung dieses unseres Erbes nicht vom unkontrollierbaren Tiefsinn, und hat er selbst Methode, kompromittieren zu lassen, zieht voran, die Hoffnung, eine zu leicht befangene Leserschaft und einen mitunter kenntnisreichen, aber taumelnden Autor, von dem mehr erwartet werden durfte, auf das Bedenkliche seines Verfahrens bei dieser Entdeckung und ihrer Vorführung aufmerksam zu machen, zieht wehmütig nach. ,• Vor aller Auseinandersetzung mag man wohl Freude und Anerkennung schicklich aussprechen dürfen über ein Unternehmen, das sich, ob nun mit Glück durchgeführt oder nicht, als eine wirkliche Entdeckerfahrt in eine terra incognita unseres Schrifttums darstellt. Es gehört viel Arbeit und achtungswerter Mut dazu, als erster mit einer Monographie aufzutreten auf einem Gebiet, in dem man der Gefahr zu scheitern und den Einflüsterungen des Leichtsinns nur allzusehr ausgesetzt ist. Das Einzige, was wir Über die Dichtung der Kabbala haben, sind etwa die wenigen, ja dürftigen literargeschichtlichen Bemerkungen der Bibliographen, der unmystischen Baale-schem*), und die Zunz' in seinem Werke über die synagogale Poesie,**) und entsprang dieser Mangel an Aufmerksamkeit sicher der geringen Wertung dieser Gedichte, können ja der manchmal schreck- *) Mei'r Wiener: Die Lyrik der Kabbala. Eine Anthologie. Wien und Leipzig 1920, R. Löwit Verlag. *) wie sie Leopold Dukes witzig genannt hat. **) und von kabbalistischer Seite selbst viele schätzbare Notizen in dem berühmten Buche Nepi's und Ghirondi's über „die Weisen Italiens".