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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 54

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Anton Kuh: "Juden und Deutsche" [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
54 (sequence 2)
Language
German
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54 Umschau: Völkerpsychologie unser Kraushaar — unseren Tonfall hast, wie willst du dich uns entziehen? Gedenkst du noch des heimatlichen Speisengeruchs? Warst du nicht selbst ein braver Mitesser und Mitbeter — und glaubst davon zu können? Nutzloses Trachten!" — das ist der tiefste Sinn auch des zionistischen Bruderrufes („das brüderliche Hepp-hepp als Hosiannah"). Es ist ein „Ruf des Familien- und nicht des Weltenbruders". „Der Ruf des Zionisten heißt „Zurück!" Ob es ein „Vorwärts!" ist, ficht ihn wenig an. Was sind ihm die Zeiten der europäischen Verbannung? Ein Zweijahrtausendszufall. Der Jude ist ihm leidenserkoren — zu nichts". Was bewegt aber den jüdischen Liberalen, Demokraten, Sozialisten? — „Diehistorische Gewohnheit, sich der fremden, ihnen im letzten Ende feindlichen Sache als der eigenen anzunehmen" — die Verwechslung der eigenen und der fremden Freiheit. Denn: „Was ging sie der Entrechtete, Mißachtete an, der es aus ganz anderen Gründen war als sie?". Es war letzten Endes ein Verrat an sich selbst Dies macht uns überraschte aufhorchen« Denn, nach all dem Vorangegangenen, waren wir doch auf eine richtiggehende Assimilationspredigt gefaßt. Was ist denn das eigene Selbst, die eigene Sendung der Juden? — Es ist die Tilgung jener Erbsünde, antwortet Kuh, jener engen, unfreien Famillenmoralität „Ihre Schuld ist dann getilgt, ihre Auserwähltheit bestätigt. In diesem Sinne waren sie auch die Lieblinge Nietzsches". Dazu haben sie auch den Leidensvorsprung vor und die Gasterfahrung von anderen Völkern, sie in Mißtrauen gegen jede Art von Volksbewußseln umzuwerten, das vom Besitz statt vom Menschen ausgeht". Also sagen wir zusammenfassend: statt der Liebe zum Nächsten — die Liebe zum Fernsten. Und nun kurz zu den Deutschen. „Sie sind vielleicht nicht ganz so strangulierte Familienwesen wie jene; denn ihr Machtdrang ist stärker als ihr Mitleid. Aber ihr Glaube an die Familie ist gleich krankhaft und sklavisch, er entquillt auch hier nicht der Mutterfreude, sondern der Vaterangst und dient der Habe, nicht dem Sein". Daher auch die nächste Aehnllchkeitsfolge: daß ihnen der Instinkt der Umwelt feindlich ist, daß sie — besonders im Kriege und durch den Krieg — dieselbe Gefühlsskala der Verschmähtheit, Selbstverdrehung, Versöhnungsdrang und Liebedienerei durchlaufen mußten, durch die sie grundsätzlicher und heftiger als alle übrigen Völker die Juden peitschten. — Daher — aus jener erotisch-sexuellen Grundverfassung heraus — auch die weitere Aehnlichkeit: der Rationalismus, der Intellektualismus als „Verdrängung", als Abreagieren, als Surrogat des entgangenen Liebesglücks. Kurz: Juden wie Deutsche — in verschiedener Gradation und Erscheinungsformen — kommen doch in dem Gemeinsamen zusammen: sie setzten den Zwiespalt in die Welt, oder sagen wir genauer: ihr Weltgefühl ist zwiespältig. Und darum war der Selbsthaß, der diese Zwiespältigkeit durchschaute und sie zu Überwinden trachtete, das beste Stück des Geistes beider Völker . . . Ueberschauen wir jetzt das Ganze kritisch, von dessen gedanklicher Saftigkeit und Schärfe hier natürlich nur eine schwache Vorstellung gegeben werden konnte. Daß der Familie bei der Erhaltung der jüdischen Art in der Geschichte eine wichtige Bedeutung zukommt, ist oft betont worden; noch nie aber ward so wie hier dem Einfluß der jüdischen Sexualität bis in die letzten Winkel des jüdischen Wesens nachgegangen, noch nie ward so grell in dieses Wesen hineingeleuchtet. Gestehen wirs: die Sonde hat allzu erbarmungslos gearbeitet, aber vieles um so treffsicherer aufgedeckt. Wir durchschauen aber auch — ohne die Originalität der Anwendung im mindesten bezweifeln zu wollen — wes Geistes Kind die Grundauffassung ist. Freud und Nietzsche haben hier Pate gestanden: der erste steht am Anfang, an der rückwärtsgewendeten, historischen Seite, der zweite am Ende, an der in die Zukunft gerichteten Seite. Nun ist aber der Anspruch der Psychonalyse, nicht nur Erscheinungen des Seelenlebens, sondern auch der Religion, Philosophie, Weltanschauung aus dem erotischen Urerlebnis zu erklären, eine Anmaßung, eine unnatürliche Grenzüberschreitung, ein ungesundes Sich- » Aufblähen einer Lehre, die für einen bestimmten Kreis von Erscheinungen allerdings manches Dunkel erfolgreich aufgehellt hat. Und wenn Kuh, Freuds Spuren folgend, etwa behauptet, der jüdische Monotheismus sei nur ein Abbild der „väterlichen Autorität zur Sicherung des leiblichen Besitzes", die die Juden statt des „Mutterrechts" in die Welt setzten, so sei nur daran erinnert, das der „Gewaltbesitz" am Weibe, der seine sinnfältigste Verkörperung in der Polygamie des Mannes findet, bei Juden sich noch lange während der ganzen biblischen Periode erhält und daß die echten Bekenner des Monotheismus — die Propheten — ihn bekämpften, weil — im umgekehrten Kausalverhältnis als bei Kuh — de Monotheismus als sein Abbild die Monogamie verlangt. Der Intellektualismus als Abreagieren, als „aufspritzender Gedankengischt" liebesentfremdeter Jünglinge, diese Erklärung mag für den Ghettojüngling sogar physiologisch •„ zutreffen; für den germanischen Jüngling, bei dem jener angeblich derselben Quelle entspringt, wird sie, aus bekannten Gründen, weniger stichhaltig. Die „zerschlagene Einheit" ist, wenn unter diesen Worten ein Weltgefühl, eine Weltanschauung verstanden werden soll, bei Juden und Deutschen etwas der Art nach gänzlich Verschiedenes: bei diesen (wie schon

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