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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Anton Kuh: "Juden und Deutsche" [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
55 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Literaturgeschichte 55 Nietzsche wußte) eine „umfängliche" Geistesstruktur, die den Gegensatz in die Welt setzt und ihn doch wieder zur Einheit gestaltet,*) bei den Juden aber eine Spaltung, die nicht zuletzt in ihrer historischen Lage, in dem Diaspora-Zustand, wurzelt. Und nun zur vorwärts gerichteten Seite! Uns berührt es sympathisch, daß Kuh aus feinem negativen Sektionsbefund heraus sich doch nicht, wie es gemeiniglich konsequent schiene, zum geistlosen Assimilantismus bekennt (dazu ist er eben zu gelstreich); daß er sich, wie es einem Juden geziemt, die geistige Selbständigkeit wahrt Wir sahen auch, welchem eigenen Ziele er zustreben will. Aber es ist doch kennzeichnend, daß er, der so Kristallklare, hier so undeutlich wird, und so abrupt Der Edelanarchismus, die Liebe zum Fernsten sind denn auch im tiefsten Sinne individuelle Gefühle, nur Vereinzelten, Vergeistigsten eigen. Sie einem Volke zu predigen ist selber eine Ausgeburt des Ueberintellektualismus. Gerade dieser Ueberintellektuallsmus, der in der Diaspora so üppig wuchert und nicht zuletzt in Kuh selbst einen so hervorragenden Vertreter findet, ist für uns aber mit ein Grund, weswegen uns der Zionismus nicht ein „brüderliches Hepp hepp", sondern die Rückkehr eines Volkes zur Natur und dadurch die Wiederherstellung der „zerschlagenen Einheit" des Weltgefühls bedeutet. Elias Hurwicz LITERATURGESCHICHTE Lyrik der Kabbala? Das Erbe unserer Väter ist gefährlich. Es ist in die geistige Welt der westlichen Judenheit eingebettet, zu tief, als daß es den Trägen nicht unbewußt bliebe, zu substanziell, als daß es die Mutigen nicht an sich zöge, zu drohend, als daß es nicht die Abenteurer reizte. Es liegt, wo es historische Gewalt gewonnen hat, den Stürmischen und den Besonnenen im Wege, wie jener „Stein, den keiner fortwälzen kann," seine Bewegung ist erstarrt nnd noch nicht wieder ausgelöst, und noch im besten Falle schlagen die Tätigsten ihr Feuer aus ihm. Das populäre Bild unserer Vergangenheit, das selbst schon zur historischen Macht zu werden droht, als die es seine bedeutsten Maler konzipiert haben, weist jenen feinen Schleier des im prägnanten Sinn Unheimlichen auf, in dem die Laster verwischt und die Tugenden rationell geworden sind, und das den Erben auf eine schwächliche Zukunft ohne Leidenschaft verweist. *) s. des näheren darüber und verschiedene konkrete Illustrationen dafür in meiner Schrift: „Die Seelen der Völker" (F, A. Perthes, Gotha 1920), S. io3ff. Die Verschwommenheit ist alles. Der dräuende Riese, unsere Geschichte, ein unbürgerliches, sprengendes Ding aus Bosheit, Lastern und Vollendung, erklärt sich, „zur Lehre und zum Zeugnis" aufgerufen, für einen harmlosen Idioten. Und der Suchende, der dieses Bild durchschaut, ohne doch das wahre vor sich hinstellen zu können, mauert es in sein Grauen ein, und freilich bedarf es schon einer man möchte sagen leidenschaftlichen Gelassenheit, um diesem wahrem Bilde in die Augen zu seheu. So aber ist unsere Geschichte bisher fast stumm geblieben und wie, alles Unausgesprochene gefährlich. Die alten Bücher, von wenigen Generationen verraten, sind undurchsichtig geworden und schicken ihre Strahlen nur mehr nach innen, in ein verzaubertes Leben, das unsichtbar geworden, der Entzauberung und Erlösung harrt Es läßt sich kaum leugnen, daß der Wissenschaft von Judentum zur Zeit ihrer Begründung und Blüte eine solche verzaubernde, verwandelnde Funktion innegewohnt haben muß, die den Texten, auf die sie sich geworfen, ihre bessere Sprache geraubt hat, und die erst allmählich von einer tiefer sehenden und sich wieder einordnenden Philologie überwunden wird. Es sind der methodischen, und Wesentlicheres betreffenden Krankheiten noch genug, die dieser Wissenschaft von jenen eingepflanzt worden sind, die weder erwarteten, von den Gegenständen ihrer Bemühung lebendig angesprozu werden, noch das Organ dieser Erwartung sonderlich gepflegt hätten. Die erstaunlich bedenkenlose, völlig inadäquate und nicht selten mörderische Art, in der auch die bedeutendsten Geister sich zu den großen Aufgaben der Uebersetzung verhielten, ist eines der nachdrücklichsten technischen Mittel dieser Verzauberung, das noch bis heute selten einer positiver gegründeten Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht gewichen ist. Es genügt, beispielsweise auf die skandalösen Uebersetzungen großartiger historisch - geographischer Texte durch Neubauer, dichterischer durch Geiger oder S. Heller, den von David Kaufmann ebenso überschwenglich wiegrundlos gepriesenen Autor der „echten hebräischen Melodien* zu verweisen, um begreiflich zu machen, daß die so geschundenen Texte gleichsam renitent geworden sind, und die Erkenntnis des mitunter äußerst lebendigen und leuchtenden Stromes, der die mittelalterliche hebräische Poesie und Prosa durchfließt — und die Prosa, was selten eingesehen wird, vielleicht noch mehr als die Poesie — sich hindurchzuarbeiten hat durch die Hüllen zeitgemäßer Vorurteile und durch die Krusten, die sich in den letzten Geschlechtern der Entfremdung um die Werke gelegt haben. Die sich ihrer Distanz bewußte, genaue und zurückhaltende Weise, in der bedeutende Philologen sich um die

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