Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Vom Kongreß
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 48 (sequence 3)
- Language
- German
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48 Bemerkungen: Vom Kongreß Kongreß bis zu einem gewissen Grade erfüllt, In den Kommissionen ist gearbeitet worden und die vielleicht unnötige Zugabe von theoretischen Reden auch seitens Einzelner, die nicht ihrer Redezeit entsprechend Wesentliches oder Nützliches mitzuteilen haben, muß als ein unabwendbares Uebel hingenommen werden. Doch kann auch hier in der Gesamteinstellung eine Beobachtung gemacht werden, die heute allgemein gilt: während 1917 und 1918 unter dem Eindrucke teils der russischen Revolution und der deutschen Militärrevolte, teils der propagandistischen Kriegsziele der Entente die große Mehrheit sozialistisch oder doch weitblickend sozialreformatorisch gesinnt war und die Minderheit vorsichtig schwieg, ist jetzt die große Mehrheit offen zu ihrem reaktionären, starr antisozialistischen Standpunkt zurückgekehrt, ja oft zum Angriff übergegangen. Das große Problem der Umgestaltung und des Neubaus des sozialen Lebens ist nicht nur zurückgestellt worden, sondern es wird offen bekämpft und geschmäht und dies oft von denselben Leuten, die es vor zwei Jahren als Paradestück ins Knopfloch gesteckthaben und die heute glühend für die Erhaltung des Bestehenden eintreten. So kurzlebig und von der Zeit abhängig sind wir, daß Worte wie soziale Revolution oder Pazifismus von den „Wissenden" belächelt werden. Ueber die erlogene Scheinglut des Höhenflugs hat Überall die Dummheit des Bürgers gesiegt. Natürlich auch bei uns. * Das Persönliche spielt eine große Rolle auf dem Kongreß. Da der sachlichen Möglichkeiten wenige, der Wegeweisenden keiner da war, verlieh gerade dieses Moment dem Kongreße seinen besonderen Reiz. Die Mannigfaltigkeit der Typen und Menschen bestrickte und erregte Sorge zugleich. Am klarsten war das, als Weizmann, der impulsive Ostjude, von seinem Gespräch mit Brandeis berichtete. Eine Kluft tat sich auf, leider erweitert durch das Unverständnis Weizmanns, die ruhige, schamhaft nüchterne, verhaltene Fassung des Amerikaners auch nur zu ahnen. Interessant war der günstige Eindruck, den Sokolows kluge, ruhige, skeptischüberlegene Halstung (trotz seiner bei der Klugheit dieses Mannes unbegreiflich schlechten Reden) gemacht hat. Erfreulich war die Sympathie, die sich trotz prinzipieller Differenzen Julius Simon zuwandte; sein Auftreten hatte Niveau. Ebenso die Ruppins, was nicht überraschte. Die Frage der Legion, die Jabotinsky auf * dem Kongreß In bejahendem Sinne entscheiden lassen wollte, ist nicht zur Sprache gekommen. Der realistische Sinn — ich sehe vom moralischen völlig ab — der meisten Landsmannschaften hat sich doch geltend gemacht. Nicht wenig hat dazu auch Jabotinsky selbst geholfen durch seine Rede. Daß es gefährlich ist, von einer Ausrottungskolonisation ä la Nordamerika oder Australien auch nur beispielsweise zu sprechen, dämmert langsam selbst den Kurzsichtigsten. Daß man von einem führenden Politiker zumindest Maß,Takt, Haltung,Zurückstellung persönlichster Eitelkeiten verlangen muß, ist eine der fruchtbarsten Erkenntnisse des Kongresses. Die angenommene Resolution in der Araberfrage war im Geiste der Deklaration Martin Bubers und, um ein Schlagwort zu gebrauchen, im Geiste antiiegionistisch. Das ist ein Erfolg, wenn auch nur ein papierener. Die Haltung der Londoner Exekutive gerade in dieser Frage hat mich, und nicht nur mich, sehr nachdenklich gestimmt. Doch ist darüber zu sprechen noch nicht an der Zeit. * Was auch ein demokratischer Kongreß, selbst in dieser Zeit, haben könnte, was die von ihm gewählte Leitung haben müßte, war nicht da (außer bei Einzelnen): welter und freier politischer Horizont, klare und schonungslos wahre Erkenntnis der vor sich gehenden geschichtlichen Prozesse. Keine große Rede über Englands äußere Politik, über den wichtigen Umformungsprozeß, den seine imperialistische Politik jetzt durchmacht, aber auch kein Anzeichen davon, daß die Männer der Leitung die Konsequenzen absehen und ihnen Rechnung tragen. England sucht sein Weltreich zu erhalten, indem es das Imperium auf neuer, freier Grundlage umbaut: eine Gemeinschaft antonomer Völker, zu gegenseitiger Sicherung und Förderung zusammengeschlossen. Aus seiner schwankenden Augenblickspolitik sucht Lloyd George Ausweg zu neuen freien Horizonten, das junge intellektuelle England folgt ihm hierin, geht weiter als er. Die Haltung Englands