Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Vom Kongreß
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 47 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Vom Kongreß 47 und eine neue zu wählen. Soweit dies möglich ist, drückt sich in der Wahl der Leitung auch der Wunsch des Kongresses aus, diese oder jene Richtung in der Tätigkeit der nächsten Jahre zu befolgen. Daher wird die Personenfrage Mittelpunkt aller Interessen und der Ehrgeiz alter Parteiführer wuchert hinter den Kulissen zu üppigem Leben. Dies gibt den Kongressen eine unangenehme Beinote. Kleinlichste menschliche Eitelkeiten spiegeln sich wie in Riesenspiegeln und in deutlicher Flammenschrift schrecken uns fremde Schwäche^ Schamröte ob eigener Möglichkeiten und strenge Prüfung weckend. Und eine klare Heiterkeit darob, daß man so leicht den Splitter beim Nachbarn und so schwer den Balken im eigenen Auge sieht, ob all der lächerlichen Verengerung des Horizonts und all der seltsamen Selbstüberschätzung. O heiter klar schwebendes Lächeln Spinozas, der unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit das Zwergentreiben in der Zeit sah! * Dennoch hat der Kongreß Möglichkeiten, und dieser Kongreß hat wenigstens die ersten Schritte in der Richtung ihrer Ausnutzung getan. Ihn mit früheren zu vergleichen geht nicht an. Denn damals versammelten sich immer wieder die Parteiführer, sie trugen ihre inneren Streitigkeiten aus, zum Teil in einer Art Geheimsprache, die nur Eingeweihten zugänglich war, und die Reichweite der Kongresse war minimal. Eine Kolonisationsgesellschaft mit zu wenig Kapital. Seither ist der Zionismus in eine neue Sphäre politischöffentlichen Lebens gehoben worden, und durch die Weltereignisse wurden zugleich die den Zeitereignissen wenig zugekehrten jüdischen Massen erheblich politisiert. Die vielen „einfachen" Juden, die auf diesem Kongresse als Delegierte anwesend waren, haben vielleicht sein Niveau nicht gehoben, aber sie waren die Andeutung einer Verbreiterung der Bewegung aus Parteisekte zu Volkspartei. Bot daher auch der Kongreß intellektuell ein niedrigeres Niveau als die vorhergehenden, waren (von den Referaten abgesehen) die Reden meist schlecht und nichtssagend, so hatte er doch größere Möglichkeiten, die vor allem auf zwei Gebieten lagen. Erstens: Der Kongreß kann eine Manifestation sein, ein mächtiger Appell. Ich überschätze diese Bedeutung nicht. Ich sehe, daß die Gefahr des Zionismus, die alle Arbeitsmöglichkeiten in Palästina in Frage stellen kann, die Lust des Nationalismus zum Austoben im Manifestativen ist. Auch wird aus dem Hilfeschrei des Unterdrückten lachhaft schnell und leicht der Machtwille des Herren, der wieder bei einem Herrenvolke wie den Engländern durch selbstverständliche Haltung gebändigt und veredelt ist, bei einem Sklavenvolk, wie wir es dagegen waren und sind, zu einer schmählichen Ueberwucherung ins Grotesk-Absurde führen kann. Dennoch ist Manifest und Appell nötig, und wenn der Kongreß auch hierin nicht voll die Möglichkeiten erschöpft hat, hat er doch Beträchtliches geleistet. Manifestation hat nur Sinn, wenn Vernunft sie leitet und Tat ihr folgt. Ueberflüssige Manifestation ist schädlich. Es hat wenig Wert, wenn eine nicht erzwingbare Abgabe von jenen Leuten, die nichts abzugeben haben, den anderen aufgezwungen wild" Es ist schädlich, wenn von der Tribüne dagegen (berechtigt) geeifert wird, daß in diesen Unglückszelten jüdische Frauen Schmuck- und Luxuswaren tragen, und manche Gattinnen von Parteiführern auch noch zur nächsten Sitzung unverändert erschienen. Und es ist überflüssig, wenn das Hebräische (und als berechtigte, wenn auch ebenso überflüssige Zugabe dazu das Jiddische) unseren Führern zur Pflicht gemacht wird, wo doch jeder weiß, daß dies alles nur eine Phrase ist und daß bei unserm Mangel an Talenten und Kenntnissen wir jeden, der uns wirklich auf irgend einem Spezialgebiet helfen kann, wilkommen heißen werden, auch wenn er nie Hebräisch erlernen wird. Hierin kann Wandel geschaffen werden. (Oben haben wir von unbehebbaren Mängeln sprechen müssen.) Es gilt mehr Selbstkontrolle, mehr Wahrhaftigkeit, mehr sorgsame Prüfung; auf dem Kongreß hat Julius Simon mehrmals darauf hingewiesen. Zweitens: Der Kongreß kann praktische Fragen entscheiden oder die Entscheidung näherbringen und durch Austausch von Rat und Erfahrung Möglichkeiten weisen, Irrwege abschneiden. Auch diese Forderung hat, der