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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Vom Kongreß
Date
1920-01-01
Page
49 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Um jüdisches Volkstum 49 Irland gegenüber, die Dominionskonferenz und ihr Einfluß, vor allem der des aufrichtig liberalen Smuts wird auch Englands Haltung den Arabern gegenüber beeinflussen. Es ist sehr leicht möglich, daß wir in wenigen Jahren oder Monaten unsere ganze Arbeit auf neue Grundlagen werden stellen müssen. Die Arbeit wird darunter nicht leiden müssen, aber manche kühne Staatsträume werden zerstört sein. Von der Erkenntnis dieser Möglichkeiten, von dem Versuche, hervorgerufene Hochspannung in bescheiden und mählich konstruktive Arbeit fruchtbar abzuleiten statt wie einst bei Sabbatai Zevi in Verzweiflung enden zu lassen, sieht man noch nichts« Der Kongreß hat manche nachdenklich gestimmt. Wenn er ihnen noch den Mut zu rückhaltloser Offenheit und Wahrhaftigkeit (ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen) geben wird, wenn die klare Fackel der Vernunft weithin beleuchten wird, was dem stumpfen Blicke verborgen bleibt, kann viel geschehen. Doch gehört dazu eine — notwendigerweise sehr kleine — Gemeinschaft verbundener Menschen, die dem Einzelnen Rückhalt und unserer menschlichen Angst vor Wahrheit aus letzten Abgründen Linderung ist. Aber noch fragt es sich, ob die Zeit schon gekommen ist. Hans K oh n UM JÜDISCHES VOLKSTUM Zu Jakob Wassermanns Bekenntnisbuch. Ein Leben, ein Menschen-, ein Künstlerleben will Zeugnis ablegen. Das Einmalige, Erlebnishafte, Schicksalmäßige trägt seine eigene Wahrheit in sich und hat keine andere außer ihr. Gegen die unpersönliche Gesetzlichkeit des Allgemeinlebens vermag es nichts und diese vermag hinwieder jenes nicht zu bekräftigen, ihm Kräfte zu verleihen, die es nicht aus Eigenem besitzt. So ist das Zeugnis nur echt, wenn es bloß Rechenschaft gibt von und für sich, von dem bekannten, berichteten Leben und für es. Es wird falsch, sobald und soweit es nicht sich, die Idee seines eigenen Lebens, sondern gegen eine fremde aussagt. Persönliches Schicksal und Dasein Heftl kann eine ihm entzogene überindividuelle Wesenheit nicht berühren und auflösen. Jakob Wassermanns Lebensbekenntnis („Mein Weg als Deutscher und Jude"; S. Fischer Verlag) würde, so unangreifbar und aufrecht es in eigener Sphäre besteht, starr und schwer in die Tiefe sinken, von eigenem Gewicht heruntergezogen, sobald man es in den Strudel politischer Meinungskämpfe risse Wassermann sieht die Gefahr solcher Hypostasierung eines Persönlichen ins Allgemeine. Und da er nichts mehr scheut als das Illegitime, das Verfälschte und abtrünnig Anmaßende, setzt er sich von allen Anfang an gegen 'diese Bedrohung durch eine falsche politische Sozialisierung seines Buches zur Wehr. Er bekennt: „Es verlangt mich Anschauung zu geben . . . Auf Beweis und Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art konstruktiver Beredsamkeit". „Ich stütze mich auf das Erlebnis". Erlebnis ist aber nie polemisch; die Darstellung bleibt nur dann rein und unverbrüchlich, wenn sie nicht mehr unternimmt, als getreu von ihm Rechenschaft abzulegen. Sonst wird sie anfechtbar, in aller Bildhaftigkeit des Wortes . . . Fatum eines schweren Menschenwegs, dunkel, verwirrend und verworren in leidenschaftlichem, oft magischem Ringen um sein verborgenes Gesetz; Erscheinung eines brennend - jähen Zusammenpralls zweier In tiefen Haß verirrter, gegen einander stoßender Bluts¬ und Geistesmächte; Abbild äußerster Lebens¬ und Seelennot, ^tiefster Entzweiung, quälendster Problematik; Grenzfall eines erbarmungslosen, unaufhörlichen Widerstreits zweier Nationen in eigener Brust von restloser Schärfe der Selbstentblößung und erschreckender Deutlichkeit und Unverhülltheit seiner Perspektive. Keine Abhandlung eines politischen und psychologischen Problems, sondern Schicksals- und Entwicklungsgeschichte einer Seele. Versuch zur Rubrizierung nach soziologischer, zur Nutzanwendung nach moralischer, zur Typisierung nach politischer Gesetzlichkeit wäre ohnmächtig und absurd. Erlebnissteht hier gegen politische Meinung, Persönlichkeitsoffenbarung gegen Zwang der sozialen Type, Spitzenphänomen gegen Massenerscheinung, Singularität des Einzelnen gegen Entscheidung der Geschichte. Welcher journalistische Dialektiker oder verstaubte 4

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