Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Vom Kongreß
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 46 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN VOM KONGRESS Die Einberufung des Kongresses war eine Forderung vieler gewesen, die an das Heil demokratischer Formen glaubend Rechenschaft und Urteil und Weisung neuer Wege durch die geistigen und moralischen Kräfte der Erlesenen des Volkes zur Grundlage einer Ueberwindung der Krise des Zionismus machen wollten. Hier mußte der Kongreß eine Enttäuschung bringen: er hat alles beim alten gelassen. Selbst an sich minimale Forderungen, deren Erfüllung natürlich in keiner Weise die Lage wesentlich verbessert hätte, wie die Uebersiedlung der Leitung nach Palästina oder Mitteleuropa, scheiterten an der mechanischen Technik des Kongresses, die jede weltergehende, in Fernen blickende Aenderung und jede Betätigung individuellen, neuschöpferischen Geistes unmöglich machte. Ich habe seit längerer Zeit immer wieder darauf hingewiesen, daß der Kongreß in der heutigen Lage nicht schöpferisch sein kann, denn die Krise, die den Zionismus lähmt, ist keine partielle, sondern eine universelle Erscheinung und die Mittel zu ihrer Heilung liegen in Tiefen, die unseren Mittelchen und Blicken unzugänglich sind, und vor denen unserem Geschlechte nur die gefaßte Haltung und die geduldige Kärrnerarbeit bleibt, die dem Dämonischen gegenüber gebührt. Wir stehen an einer Zeitenwende, deren Umrisse ich vor zehn Jahren schattenhaft geahnt und teilweise falsch gedeutet habe, die sich mir aber jetzt immer klarer offenbaren. Der Zionismus, den der Kongreß repräsentiert, ist die der vorgehenden Zeit eigentümliche Form der religiösen Sehnsucht unseres Volkes, zeitliche' sterbliche Hülle ewiger geistiger Kräfte, krank, zersetzt und innerlich hohl wie seine Zeit. Darüber dürfte uns selbst der mögliche Umstand nicht täuschen, daß der Zionismus als finanzielles und organisatorisches Instrument kräftiger darstünde als heute. Neben diesen in Tiefen verankerten Gründen hat mich zum Mißtrauen gegen den Kongreß auch mein Mißtrauen gegen das in irreligiösen Zeiten notwendige Uebel der Demokratie geführt. Denn nicht nur bringen Abstimmungen keine Erneuerung, aber die durch keine religiösen Traditionen gehemmten Instinkte führen notwendig dazu, daß die Demokratie ein Schwei nach panem et circenses wird, circenses für die Masse, panem aber für die Führenden, die sich zum Futtertroge der Allgemeinheit drängen. Nirgendwo ist dies so klar geworden als dem, der staunenden Auges in diesen letzten zwei Jahren die „Verwirklichung" der nationalen Träume der mittel- und osteuropäischen Völker erleben durfte. Statt steilen Aufstiegs zu geistumfangenen mitgerissen wachsenden Völkern sahen wir, daß die nationale „Befreiung" nur zwei Klassen dient: einer sehr engen Kaste der Großfinanz und der viel weiteren Gruppe der Intelligenzbourgeoisie, die nun an bisher ihr als dem „unterdrückten" Volke unzugänglichen Gehältern, Ehren und Vergnügungen sich mästet. Für die Masse aber gab es nur circenses, Paraden und Feierlichkeiten, dazu angetan, die verwerflichsten Instinkte der Masse wachzuhalten. Nur bei Völkern, in denen die Demokratie in organischem Wachstum Ausdruck ihres religiösen und nationalen Innenlebens geworden Ist, wie bei den Engländern, bringt jeder Einzelne ihr spontanes Eigenleben und Ehrfurcht entgegen, die sie zu sinnvoller Ordnung ausgestalten. Unsere Kongresse leiden zu alledem noch an einem Uebel, das permanenten Parlamenten unbekannt ist. Sie versammeln sich nur in langen Abständen und ihre vornehmste Aufgabe ist, den Rechenschaftsbericht der abgehenden Leitung entgegenzunehmen