Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kunsterziehungsfragen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 40 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Else Bodehheifflßr-Biram: ist nicht zu befürchten, daß die Erde an Varietät, an Verschiedenartigkeit der Individuation dadurch verliert, daß das vielfach unbewußt von der Klassenkonvention geregelte Bedürfnis als verbindlich angenommen wird; nur größere Ehrlichkeit ist die Folge solcher Anerkennung und die so geschaffene Norm kann von einzelnen Fähigen immer durchbrochen oder umgebildet werden. Das Zeitalter des Individualismus hat seine höchsten kulturellen Leistungen in der Renaissance hervorgebracht und auch da nicht frei von überindividueller Bindung, sondern durch Verbundenheit mit objektiven Normen, da vom Mittelalter noch Macht und Glanz der Kirche über diese Zeit der beginnenden Loslösung strahlt. Einen Stil aber, der bis in alle Verästelungen des Lebens hineinreicht, haben nur Zeiten gefunden, die ein Allgemeingültiges über sich erkannten. Von so einem gemeinsamen Mantel, der einmal Religion, einmal Kirche, einmal Staat heißt, waren die Menschen aller Zeiten umschlossen, in ihn gehüllt, bis der Individualismus und der ihm folgende Liberalismus ihn zerrissen, sie des Schutzes zu entkleiden, auf eigene Füße zu stellen suchten. Nachdem diese Epoche abgeschlossen überblickbar hinter uns liegt, verstehen wir ihre Irrungen als Unterliegen vor der Fülle des Stoffes, der -sich wie Geist, vor der Fülle der Zwecke, die sich wie das zu erstrebende Ziel gebärdeten. Wir erkennen das Einende heute wieder der Form nach an, es ist aber für die meisten in eine Vielheit der Inhalte gespalten, stellt nichts Einheitliches mehr dar. Der durch fremde Kulturen hindurchgegangene, von ihrem Sein und Wesen nicht unberührt gebliebene Westjude muß einen weiten Umweg machen, ehe er den Weg zu sich zurückfinden kann, und er fängt eben an, mit tastenden Schritten diesen Weg zu suchen, indem das Einende in unserem Volke, das jahrhundertelang geschlummert hat, in kleine religiöse Kreise zurückgedämmt, der Hang zur jüdischen Gemeinschaft, das in ihr Stehen und Wurzelfassen, wieder stärker erlebt, erfühlt und wiederum aus schöpferischen Menschen herausgestellt wird, als das Wirken der andersartigen Kulturen. Die bei der Emanzipation der Westjuden von den umwohnenden Völkern übernommene Zivilisation, die irrtümlich als Kultur angesehen wurde, zerfällt wieder in ihre Bestandteile; sie kann nur noch als Material gelten. Damit kommen wir zu der Frage, was wir als Juden von der Erziehung zur Kunst zu erwarten haben. Ist der Westjude vom Mittelalter her dem Talmudstudium und der Lehre des Rabbinismus zugekehrt, so mußte er, vom Ghetto befreit, dem Rationalismus der Aufklärungszeit verfallen, während das östliche Judentum unter dem Einflüsse der von den spanischen Juden nach Rußland und Polen verpflanzten Kabbala und der jüdischen Mystik stand, somit die emotionale Prägung in ihm gepflegt, von innen heraus erhalten wurde. Es ist Schicksal des europäisierten Juden, aus der Kultur