Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kunsterziehungsfragen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 39 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kunsterziehungsfragen 39 wie die Erfordernisse der Reifeprüfung, auf die der Lehrplan sich einstellt, es zulassen. Es ist also Volkskultur, die hier im Werden begriffen ist, nicht von Bürgerlichen und für sie geschaffene Klassenkultur. Das macht diese Dinge für uns so wichtig und weist mit zwingender Macht auf sie, da wir in unserer Väter Land das Glück haben, wieder von vorn zu beginnen, nicht auf den Vorort einer Großstadt angewiesen sind. Es sind die besten Kräfte des neuen Deutschland, ja gesammelte Kräfte aus den überlebten Kulturen aller Völker, die solchermaßen nach Gestaltung ringen. Wir müssen von ihren Erfahrungen lernen, um das jüdische Kind zum Schaffen zu befähigen, sein Gefühls- und Phantasieleben zu stärken, damit es ein ganzer Mensch werde, dem die Arbeit nicht nur Mittel zum Zweck des Geldverdienens, des Zusammenraffens von Besitz ist, ein ganzer Jude, der wieder Eigenwerte aus sich herausstellen kann. III. Einer durch solche Erziehung hindurchgegangenen Jugend wäre körperliche Arbeit nicht mehr Degradierung, sie würde sich um so eher zu handwerklichen Berufen entschließen, je mehr der vereinzelt aufflammende Produktivierungstrieb im Volksbewußtsein Eingang findet. Dazu kann jeder an dem Ort und an der Stelle, wo er steht, beitragen, nicht nur in Palästina oder mit dem Hinweis, daß es dort anders werden soll, sondern auch in der Diaspora. Wenn ich eingangs von einem Handwerkerstamm gesprochen habe, so ergab der Zusammenhang, daß nicht Aehnliches gezüchtet werden soll, wie das Schneider- und Schuhmacherproletariat Polens und Galiziehs, das auf die Auswanderungsländer, vornehmlich England und Amerika abgeströmt ist, sofern es nicht infolge eines fortschreitenden Zersetzungs- und Depossedierungsprozesses zur ungelernten Fabrikarbeit hingedrängt wird.*) Bei der Behandlung von Kunsterziehungsfragen liegt Hindeutung auf die dem Kunsthandwerk verwandten oder zu ihm tendierenden Gewerbe nahe, die der Initiative der Erfindung, der Subtilität der Bearbeitung, der individuellen Behandlung des Produkts freien Spielraum lassen. Doch werden auch jüdische Handwerkergemeinden in Palästina, in der Galuth einer gewissen Uniformierung der Bedürfnisse Rechnung tragen und z. B. in genossenschaftlichen Werkstätten mehr Typenmöbel als Unikate entstehen. Damit würde nichts anderes als ein dem gemeinschaftsbildenden Geist unserer Zeit adäquater Stil geschaffen, eine Verbindung unserer praktischen Aesthetik mit der heutigen Wirtschaftsorganisation, wie einzelne Möbelstücke, etwa der Korbstuhl, der Klubsessell solche Einheitsform angenommen haben. Doch *) Vergl. auch Leo Rosenberg, „Zur Reform des ostjüdischen Handwerkes," im i. Jahrgang des „Juden*. Hier wird nachgewiesen, daß die Zahl der jüdischen Handwerker im Jahre 1898 im russischen Ansiedlungsgebiet einschl. Polen noch über eine halbe Million, also 13,2 % der jüdischen Gesamtbevoikerung dieser Gebiete betrug, während die gleiche Verhältniszahl der im Handwerk Beschäftigten in Deutschland zwischen 6 und 7 °/0 schwankt, sodafl das ostjüdische Handwerk durchaus: der Erhaltung wert, ja .bedürftig erscheint