Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kunsterziehungsfragen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 41 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101177-3106363--4780-3106426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kunsterziehungsfragen 41 der Wirtsvölker herauszuwachsen, Anregung und Befruchtung von ihnen zu empfangen, sie durch seine Anlage modifiziert zu verarbeiten. Darf mit dem überwundenen Individualismus auch die rein rationale Einstellung für überwunden gelten, so formt sich im Zeitalter des Sozietarismus, in dem wir leben (ich ^vermeide das Wort Sozialismus wegen seines Parteibeigeschmackes) eine neue Art von Geistigkeit, ein Wiedererwecken und Erwachen der spontanen Emotionskraft, die auf die westjüdische Geistesart entscheidenden Einfluß übt, sie der Produktivierung aufschließt. Ich will hier nicht von dem literarischen und dichterischen Niederschlag des neuen Gemeinschafsfühlens sprechen, weil jene Werke zwar großenteils entweder nach Inhalt oder nach Form jüdisch genannt werden können, aber Form und Inhalt in ihnen nicht zu einer Einheit verschmolzen sind, die jüdische Kunst eindeutig offenbart. Noch vager ist vielleicht die Hoffnung, die ich an diese Stelle setze, daß aus der sozietären, in Gemeinschaften neuerblühenden Werkarbeit Kunsthandwerk organisch und wie von selbst erwachsen wird. Als ebenso produktivitätsfördernd sehe ich kunstgewerbliche Tätigkeit an, sofern sie Qualitätsniveau hat und von Prätention frei ist, wie der Dilettantismus als vorhandene Kraft anzuerkennen, nur in seiner schädigenden Wirkung zu bekämpfen ist, das heißt da, wo er mit unzulänglicher Kraft und Begabung sich an zu hohe Aufgaben wagt und dadurch nichts Selbständiges hervorbringen, nur schon Vorhandenes nachahmen kann. Denn vom kleinsten selbstgeschaffeneri Ding führen stärkere Fäden zur Kunst und zu ihrem Verständnis als von allem darüber Wissen und Theoretisieren. Diese Erörterungen führen zu der anderen Frage, was wir als Juden der Kunst zu geben haben. Doch kann Antwort hierauf erst gegeben werden, wenn Generationen in Erez Israel in ertüchtigender Arbeit gelebt haben. Es ist mein Glaube, daß wir, von der Kultur des Abendlandes nicht unberührt, durch die Vereinigung von europäischem Sehen und orientalischem Schauen in der Raumkunst Gebilde hervorzubringen imstande sind, die uns als eigenste Leistung vorbehalten blieben. Ich glaube um so eher an die Erfüllung solcher Aufgabe, als die zur Werkarbeit zwingende Notwendigkeit der allgemeinen Erneuerung günstiger ist, als irgend eine Zeit unserer und der Menschheitsgeschichte.