Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kunsterziehungsfragen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 37 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kunsterziehungsfragen 37 gehenden Neoindividualismus, wie er jetzt in Deutschland Mode ist oder anerkannt sein möchte. In diesen Gemeinschaften wird der Versuch unternommen, Mensch und Arbeit in engere Beziehung zu einander zu. bringen, sodaß beide dadurch gewinnen, die Werkarbeit zu veredeln und die Jugend von dünkelhafter Verbildung zu befreien. Neben dem sinnlichen Ziel geht ein übersinnliches: Ueberwindung der rationalen Welt durch eine emotionale, Ueberwindung des Individualismus zugunsten der Gemeinschaft. In solchen Siedlungen finden sich Menschen zusammen, die mit den Ansiedlern des neuen Palästina gewisse Aehnlichkeit haben — Vorkämpfer für eine Idee, der sie ihr persönliches Schicksal unterordnen. Wer die akademische Laufbahn aus materieller, aus geistiger Not aufgibt, kann in der Handwerkergemeinde unmittelbarer, als es bisher möglich schien, verloren geglaubte Gestaltungsfähigkeit wiederfinden, nie besessene gewinnen. Ein anderes Beispiel, wie der Hypertrophie des Intellekts auszuweichen st, geben die palästinensischen Studenten, die als Bindeglieder zwischen Hand- und Kopfarbeit stehen, indem sie als Lehrer der Arbeiter wirken und am Neuaufbau des Landes mitbeteiligt sind. Dieser Intellektualismus wird oft als jüdische Eigenart angesprochen, während er allgemeine Zeiterscheinung, nur durch das Alter -unseres Volkes und unsere historische Geistigkeit entr sprechend nuanciert ist. So kommt es für uns im Grunde darauf anleinen neuen Typus Jude hervorzubringen, einen Juden, der nicht nur im Leiden und in des Leidens Gegenwehr geübt ist, der nicht im Grübeln über unfruchtbare Probleme, nicht im Auslegen und Ausdeuten seine Lebensaufgabe erblickt, einen in den Produktivierungsprozeß eingestellten Juden, der tätig zugreift, der schaffend gestaltet. Es ist unsere Aufgabe, die gesamte Rezeptionssphäre umzugestalten, sie wiederum aktiv an der Produktion zu beteiligen. . Ich halte daher die Methoden, die Paul Zucker empfiehlt, obwohl ich mit seinen Erkenntnissen übereinstimme, für einseitig und nicht geeignet, Erziehung zum Sehen zu vermitteln, was ihm als Ziel vorschwebt, wie es in der Kunsterziehungsliteratur der letzten Jahre als Angelpunkt für alles Neuerstrebte gilt. Hätte die Ablehnung „europäisch-humanistischer Form , der Zivilisation" so entscheidenden Einfluß auf seine praktischen Folgerungen geübt, wie sie theoretisch fundiert ist, so würde der Verfasser des zitierten Aufsatzes sich nicht mit der Wiederholung von Bildungsversuchen begnügen, die auf Vermehrung von Rezeptivität hinzielen. .Man ändert die psychische Einstellung schwerlich durch Erschließen neuer oder weniger bekannter Stoffgebiete, man erzeugt vielleicht Anschauungssinn durch intensiviertes Vorführen von Bildern — darauf gehen die Vorschläge Zuckers aus. Doch dies wäre äußere und leicht äußerlich genommene Vermittlung, wenn es nicht gelänge, neue Freude am Werkprodukt, innere Anteilnahme am Schaffensprozeß zu wecken.