Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Kunsterziehungsfragen
Date
1920-01-01
Page
36 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101177-3106363--4775-3106421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

36 Else Bodenheimer-Biram: suchen. Ich habe an anderer Stelle**) auseinanderzusetzen versucht, wie eine Abkehr vom Rationalismus und Individualismus der vergangenen Epoche von der Sphäre der bildenden Kunst ausgegangen ist, wie das so geformte intuitive Gemeinschaftsfühlen sich auf Musik und Dichtung, auf Literatur und Philosophie breitet, um das Leben in seinen mannigfachen Verzweigungen und Ausstrahlungen zu erfassen. Was haben wir Juden mit unserer, mangelnden oder vagen historischen Anknüpfung an Zeiten der Gestaltung, was haben wir von einem Anschauungswandel zu erwarten, was von ihm zu empfangen, was ihm zu geben? Ich will den Versuch einer Antwort auf diese Fragen an den Schluß meiner Ausführungen stellen und zunächst von der praktischen Seite solcher Neuorientierung sprechen. Die verelendeten Massen des Ostens werden sich unter dem Druck der Not immer mehr der Handarbeit zuwenden, wie manche Schichten unter den Westjuden Boden unter den Füßen verloren haben und «ich nach neuem Arbeitsfeld umsehen. Im Hinblick auf sie, im Hinblick auf Palästina ist körperliche Arbeit wieder zu Ehren zu bringen. Wir brauchen Landwie Industriearbeiter, wir sind aber auch vor die Aufgabe gestellt, einen tüchtigen Handwerkerstamm heranzubilden. Denn es kommt nicht nur darauf an, den Boden durch unserer Hände Arbeit unser Eigen zu machen, wir müssen auch Häuser erbauen, in denen wir heimisch werden können. Wenn wir sie mit charaktervollen, dem Lebensstil der Bewohner entsprechenden Möbeln, mit solidem Hausrat ausstatten lernten, wenn eine in Wahrheit volkstümliche, weil vom Volk geschaffene Werkkunst aus eigener Kraft erwüchse, so hätten wir damit mehr geleistet, als mit der Züchtung von Kunstgewerbe. Der im Bezalel unternommene Versuch mußte scheitern, weil eine Kunstgewerbeschule ein Unding ist ohne den Unterbau von Gewerbeschulen. Können solche Schulen in Palästina jetzt nicht errichtet werden, so ist unsere Jugend in der Diaspora umsomehr auf ihren Besuch zu verweisen. Doch die Gewerbeschule ist nur die eine Seite der Ausbildung. Daneben hat die mehrjährige Lehre bei einem Handwerksmeister oder besser: genossenschaftliche Ausbildung in Lehrwerkstätten einherzugehen. Es ist Sache dieser Generation, den jüdischen Lehrherrn aus ihren Reihen hervorzubringen, den Meister, der mehr Unterweiser als Unternehmer ist. Wie jüdische Lehrgüter und Lehrfarmen zur Heranziehung des Landwirts entstanden sind, sollten Handwerksgemeinden sich zusammenschließen, um einen jüdischen Meistertyp auszubilden. Muster solcher Handwerkergemeinden sehen wir in Hellerau, in Worps-* wede entstehen; sie wollen „Trägerinnen des ganzen kulturellen Lebens der sich von allen intellektuellen Dogmen befreienden Welt" sein (Heinrich Vogeler), Stätten wahrer Tatbildung, nicht eines literarischen, in Worten auf- *) Paul Zucker, Probleme der Kunsterziehung in Palästina, im Maiheft 1920 des „Juden*. **) Else Biram, Die Industriestadt als Boden neuer Kunstentwicklung — Jena, Verlag Diederichs 1919.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.