Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 34 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Julius Katzenstein: Probleme der jüdischen Wanderung an der Auswanderung ziemlich einfach zu bestimmen waren. Das jüdische Großkapital war ohne Bedeutung, der jüdische Handel, soweit er Großhandel war, litt unter der eigenen Konkurrenz und dem Boykott der Umgebung, der jüdische Kleinhandel unterlag allmählich der sich schnell entwickelnden nationalen Industrie, ebenso der jüdische Handwerker, der mit seinem erzwungenen Uebergang zur Fabrikarbeit den Prozeß seiner Proletarisierung nur noch beschleunigte. In den zu Polen hinzugekommenen früheren galizischen Gebieten ist die Lage nicht so sehr verschieden. Sie kann kurz als eine systematische ökonomische Verdrängung durch die Umgebung bezeichnet werden. Dagegen ist die jüdische Bevölkerung der bislang deutschen Gebiete ökonomisch nach dem Typus des Westjuden überhaupt orientiert, d. h.. sie hat weder einen Bauernstand noch einen Handwerkerstand, sondern ist fast ohne Ausnahme in Händler verschiedenster Schattierung und Angehörige liberaler Berufe gegliedert. In Deutschland füllte sie wirtschaftlich entweder vorhandene Lücken aus oder erhielt sich, wo das nicht der Fall war, trotzdem auf Grund ihrer wirtschaftlichen Fähigkeiten. Bei ihrer jetzigen Zugehörigkeit zu Polen ist dieses beides, nicht zuletzt wegen des polnischen nationalen Chauvinismus, zumindest in Frage gestellt. Ob und in welchem Umfange sich die ökonomische Lage der neu eingegliederten der der schon „ansässigen" Juden anpassen wird (und es kann immer nur eine Anpassung nach unten sein), ist heute noch nicht klar zu übersehen. Doch wird hier voraussichtlich das im Friedensvertrage vorgesehene Optionsrecht zu einer Binnenwanderung nach dem früheren Herrschaftsstaat, kaum zu einer eigentlichen Auswanderung führen. Es ist nunmehr unsere Aufgabe, aus dieser Summe von Tatsächlichkeiten den Schluß zu ziehen. Der Beginn der eigentlichen jüdischen Wanderung wurde schon wiederholt als eine Suche nach Existenzmöglichkeit bezeichnet. Hierin liegt, daß die Wanderung durch äußere Notwendigkeiten in Lauf gesetzt wurde. Dieses Moment bleibt fortab konstant. Die Wanderung geschieht zu allen Zeiten in klarer Abhängigkeit von anderen Völkern, und zwar sowohl als Immigration wie als Emigration. Für die Immigration ist entscheidend, daß die wirtschaftliche Kultur irgend eines Landes als Stimulans wirkt. In den weitaus meisten Fällen weist das Wirtschaftsgefüge des Einwanderungslandes eine Lücke auf, welche die Juden auszufüllen geeignet sind, wobei sie anfänglich stets prosperieren. Ihrer Position haftet aber die Eigenart an, daß es sich stets um eine Betätigung auf einem noch nicht von der jeweiligen nationalen Wirtschaft ausgefüllten Gebiete handelt. Die Juden sind dieser Wirtschaftsverfassung stets um den Schritt voraus, der ihr zu ihrer Abrundung fehlt. Hat die Umgebung diese Distanz eingeholt, so wird die Tätigkeit der Juden als Schrittmacher der nationalen Wirtschaft überflüssig, es erwächst die umgebende Konkurrenz und die Lage der Juden wird ökonomisch schwebend. Es ergibt sich die Notwendigkeit, in anderen Ländern nach Existenzmöglichkeiten Umschau zu halten. Wieder wird das