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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 33

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der jüdischen Wanderung
Date
1920-01-01
Page
33 (sequence 17)
Language
German
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Probleme der jüdischen Wanderung 33 Diese ganze Darstellung der Lage des russischen Judentums, obgleich unmittelbar in die Gegenwart hineinreichend, mußte für diese Darstellung noch im Imperfektum gegeben werden. Das wird durch die russische Revolution und das System d<*r Sowjetregierung bedingt. Daß inzwischen das jüdische Großkapital völlig vernichtet ist, bedarf wohl keines Beweises. Nach den bekannt gewordenen Programmen der Sowjet-Macht dürfte auch der jüdische Handel seine Bedeutung verloren haben. Die erteilte prinzipielle Freizügigkeit, von der allein eine Besserung seiner Situation zu erwarten war, wird durch die herrschenden wirtschaftlichen Zustände sicher völlig kompensiert. Das Ideal des russischen Bolschewismus in Ehren — aber es steht zu fürchten, daß sich uns nach Oeffnung der Tore ein unendliches jüdisches Proletariat zeigen wird, für dessen Erlösung der Gedanke der jüdischen Wanderung geschaffen werden müßte, wenn er nicht schon bestände. Die durch behördliche Maßnahmen erzwungene Wanderung jüdischer Massen aus den Rayons nach Zentral-Rußland haben wohl im Zusammenhang mit freiwilligen Wanderungen, durch Militäraushebung bedingten Ortsverlegungen und wesentlich durch starke Verluste der Juden in Krieg, Po- . gromen und Revolution eine beträchtliche Verdünnung der jüdischen Bevölkerung herbeigeführt, eine Tatsache, die, wenn sie unter friedlichen Verhältnissen erfolgt wäre, zweifellos der wirtschaftlichen Lage der russischen Juden viel genützt hätte, sie wird aber, wie das oben für den Handelsstand gesagt wurde, ausgeglichen einmal durch die ungeheure Pauperisierung des gesamten russischen Lebens, weiter dadurch, daß Sowjet-Rußland in seinem augenblicklichen wirtschaftlichen Status im wesentlichen einen Bedarf an Arbeitern, Industriearbeitern, zu decken hat, dem die Juden nicht genügen können, wenn man nicht an eine große und ganz plötzliche Berufsumschichtung glauben will, endlich dadurch, daß die bolschewistische Idee — ganz von ihrer Bedeutung als Versuch der Lösung des sozialen Gerechtigkeitsproblems abgesehen — weder die ökonomischen noch die geistigen Voraussetzungen schaffen kann, unter denen die Juden bisher haben existieren können. Doch sind dies Fragen, die noch im Fluß sind. Es mag aber hier schon angedeutet werden, daß den ewig ein Land der gesicherten Existenz suchenden jüdischen Massen das jüdische Territorium vorstellbar geworden sein wird. Wird diese Idee des jüdischen Territoriums von ihnen wirtschaftlich erfaßt und ausgebeutet, so ersetzt sie mit großer Wahrscheinlichkeitdie etwa jetzt in Wegfall gekommenen Antriebe zur Emigration vollkommen. Ein besonderes Wort muß noch über die Lage in Polen gesagt werden, Die Anzahl der dort wohnenden Juden ist, abgesehen von einer starken Zuwanderung aus dem eigentlichen Rußland während des Krieges, durch die Einverleibung neuer Gebiete auf Grund der Friedensverträge vermehrt worden. Polen konnte bis dahin als ein Gebiet angesehen werden, in dem die ökonomische Lage der Juden und damit ihre Anteilnahme und Teilnahme Hoft 1

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