Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 35 (sequence 19)
- Language
- German
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Else Bodenheimer-Biram: Kunsterziehungsfragen Land der noch vorhandenen wirtschaftlichen Lücken bevorzugt. Es schließt sich damit der Ring von Immigration und Emigration unlösbar. Die jüdische Wanderung hat ihre Zwangsläufigkeit aus der Richtung der wirtschaftlichen Position her bekommen. Diese Zwangsläufigkeit hört nur da auf, wo die Juden mit der Wirtschaftskultur des jeweiligen Landes produktiv verwurzeln, weil sie alsdann das Schicksal der Umgebung teilen, d. h'. entweder mit ihr gedeihen, was jeden Grund zur Wanderung nimmt, oder mit ihr untergehen, was jede Wanderung überflüssig macht. Das Schulbeispiel dafür ist Babylonien. Doch gehört diese Erscheinung zu den Seltenheiten. Selbst Rumänien, daß seinen Juden wirtschaftlich kaum Hindernisse bereitet, sondern sie nur politisch entrechtet, hat seine konstante Auswanderung. Ueberwiegend ist es das Charakteristikum der jüdischen Wirtschaftslage, das eben keine produktive Verwurzelung eintritt, schon deswegen nicht, weil sich die vorhandene Wirtschaftslücke meistens nicht in Ackerbau, sondern im Handel, in der Industrie, in der Finanzwirtschaft oder im Handwerk aufzeigt. Haben die Juden diese Berufszweige einmal ergriffen, so ist damit ihre wirtschaftliche Position dem Schicksal eben dieser Berufszweige ausgeliefert und eine Umschichtung zu produktiven Berufen ist selbst da unmöglich, wo eine solche Lücke bestand oder sich mit der . fortschreitenden Entwicklung öffnete. Dieses Ausgeliefertsein an das Schicksal des Berufszweiges, diese Unmöglichkeit, die Variationen der Betätigungen zu beherrschen, dieser erzwungene Abstand von der produktiven Wirtschaft sind der letzte Grund der jüdischen Wanderungen. ELSE BODENHEIMER-BIRAM / KUNST¬ ERZIEHUNGSFRAGEN i. Es scheint verfrüht, von Kunsterziehung in Palästina zu sprechen, da für den kleinen Strom von Einwanderern nicht ausreichend gesorgt werden kann, ja das Kolonisationswerk in seinem primitivsten Unterbau Erschütterung erleidet. Doch es handelt sich um ein Grundproblem, das selbst in der gegenwärtigen Krise an Bedeutung nicht verliert, weil der Erziehung in Palästina Erziehung für Palästina vorangehen muß. Und da die Frage von neuem angeschnitten, da Versuche zu ihrer Lösung vorgeschlagen werden*), kann nur durch eingehende und vielseitige Besprechung Klärung über die Aufgaben der Zukunft herbeigeführt werden. Als zentrales Gebot, auf das alles andere sich einzustellen hat, betrachte ich: Pflege produktiver Kräfte auf Kosten rein rezeptiver. Das gilt für alle Kulturvölker, die, der Verstandesherrschaft müde, Ausweg aus schwerer geistiger Ueberbürdung und damit verbundener Oede des Phantasielebens 3*