Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 32 (sequence 16)
- Language
- German
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32 Julius Katzenstein: Durch die wiederholten Teilungen Polens kam das russische Reich zu einem starken Judenkontingent. Das natürliche Expansionsbedürfnis der jüdischen Massen trat sofort in starken Wanderungen bis in die südlichsten russischen Provinzen hinein in die Erscheinung. Diese Freizügigkeit wurde durch die russische Gesetzgebung des Jahres 1882 verboten. Hier liegt zugleich die Zäsur in der Entwicklung der Existenzbasis der östlichen Juden. Die genannte Gesetzgebung drängte die Juden in die Ansiedlungsrayons und verwies sie innerhalb derselben vom flachen Lande in die Städte. Das sogen, freie Wohnrecht kam nur etwa 5% der Juden zustatten, der Rest saß in den Rayons. Bei dem erzwungenen Stadtaufenthalt konnte ein jüdisches Bauerntum naturgemäß keine Rolle spielen. Die wenigen jüdischen Ackerbaukolonien aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts sowie einige Gartenwirtschaften stellten noch nicht 5% der jüdischen Massen dar. Der einst blühende jüdische Großhandel, durch die räumliche Zusammenlegung zu stärkster Konkurrenz getrieben und vom aufwachsenden russischen Kapitalismus schnell überflügelt, verlor als Geldhandel überhaupt seine Bedeutung und erwies alsbald durch seine Gliederung — Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, Kleiderhandel, Gelegenheitshandel — den Weg seiner Entwicklung. Er umfaßte 40% der Juden. Auch das jüdische Handwerk mußte dem entstehenden nationalen russischen Handwerkerstand weichen und fand sich alsbald zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen, die unmittelbar an den Verbraucher abgesetzt wurden, abgedrängt. Er stellt etwa 35°/o dar, von denen fast die Hälfte im Magazinsystem, d. h. als Heimarbeiter für den jüdischen Unternehmer, ihr Leben fristeten. Obgleich in ihrem Lebensstandard tief gedrückt, stellten sie noch nicht das eigentliche Proletariat dar. Dieses rekrutierte sich aus den jüdischen Industriearbeitern und denjenigen, die überhaupt keine feste Beschäftigung hatten. Die ersteren sahen sich einer überragenden Konkurrenz des anspruchsloseren russischen Industriearbeiters gegenüber und standen dauernd auf der Grenze des Ueberganges zum Proletarier ohne feste Beschäftigung. In dem Verhältnis, in dem ihre Lage gedrückt und Aussichten auf Besserung nicht vorhanden waren, nahmen diese Massen an der überseeischen Auswanderung teil, und zwar ist dabei bemerkenswert, daß durch diese subjektiven Momente die Verhältniszahl der an der Auswanderung beteiligten Handwerker und Händler, die im Lande etwa I : I betrug, in der Auswanderung nur für die Handwerker konstant blieb, daß dagegen die Händler nur etwa 1/8 des aut sie entfallenden Kontingents für die Emigration stellten. In Bezug auf die Wanderung war dieser Epoche charakteristisch, daß die zwangsweise Stauung der jüdischen Massen nach dem Osten zu keinen Abfluß mehr finden konnte, da die Grenze der für jüdische Wanderung überhaupt in Betracht kommenden Länder erreicht war, und daß sich statt dessen mit der Verbesserung überseeischer Verbindungen der Strom nach dem Westen ergoß.