Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 31 (sequence 15)
- Language
- German
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Probleme der jüdischen Wanderung 31 Ägypten Handel trieben, profitieren konnten, teils nach Amerika, wo der Mangel jeder wirtschaftlichen Form ihnen in der Begründung der Kolonisation ausgedehnte Betätigungsmöglichkeiten gab, teils nach Afrika, wo sie von den eingesessenen Gemeinden aufgenommen wurden und an deren Handelsvermittlung zwischen den Spaniern und Mauren partizipierten, teils nach Marokko, ^o sie nur in einem niederen Handwerkerstande Positionen einnehmen konnten, teils nach Italien, wo jedoch nur eine verschwindende Anzahl seßhaft wurde, während ein größerer Teil das Land nur als Durchgang, insbesondere nach der Türkei, benutzte. Dorthin zog auch ein Teil der aus deutschen Städten vertriebenen Juden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert nach der Vertreibung geht die Abwanderung des in Portugal verbliebenen jüdischen Restes vor sich. Ein Teil ging nach dem wirtschaftlich und politisch freien Holland, wo ihrer ökonomischen Entfaltung keinerlei Hemmnis bereitet wurde, ein weiterer, allerdings geringer, von dort aus nach Hamburg, ein weiterer Teil ging nach England, dessen Tore durch die politische Aktion Cromwells inzwischen wieder geöffnet worden waren. Soweit es in den eben genannten Ländern überhaupt zu einer dauernden Niederlassung von Juden gekommen ist, gehen für die weitere Zeitfolge beachtliche Abwanderungen von dort nicht mehr aus, weil sich dauernde Existenzmöglichkeiten boten, deren Wertung allerdings weiteren Ausführungen vorbehalten bleiben muß. Diese Länder kommen im wesentlichen nur für die Aufnahme des spanisch-portugiesischen Stromes in Betracht. Das Land, das demnächst das Interesse der jüdischen Landsucher auf sich zieht, ist Polen. Geringe. Einwanderungen hatten trotz des Widerstandes der deutschen Kolonisten schon im frühen Mittelalter zu jüdischen Niederlassungen geführt. Unter dem Druck der deutschen Zustände begann von dort endlich ein dauernd wachsender Strom nach dem Osten zu wandern. Die wirtschafte liehe Situation in Deutschland ist bereits dargestellt. Der wirtschaftliche Anreiz des Ostens lag darin, dass Polen — ähnlich wie das Karolingerreich — keinen nationalen Kaufmannsstand und keine mobilen Kapitalien besaß, sondern nur den natürlichen Reichtum des Bodens, zu dessen Ausbeutung es eben an den genahnten Faktoren fehlte. Das Land besaß aber auch keinen ausgeprägten Handwerkerstand. Für alle diese wirtschaftlich freien Stellen verfügten die Juden über geeignete Menschen und über die Mittel. So fielen den Juden Handel und Industrie in Polen konkurrenzlos zu. Im Geldwesen konnten sie starke Positionen aufrichten, weil die hohe Politik und die innere Verwaltung ein starkes Bedürfnis nach Geld hatten und die Juden zur Leitung und Ausführung von Finanzoperationen Mittel und Fähigkeiten brachten. Halten wir noch den starken jüdischen Handwerkerstand und die aus den frühesten Ansiedlungen herrührenden jüdischen Bauern hinzu, so bekommen wir das Bild eines mehrfach geschichteten jüdischen Volkskörpers.