Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 30 (sequence 14)
- Language
- German
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30 Julius Katzenstein: und zu Ortsveränderungen keinen Grund fand. Das Interesse wendet sich vielmehr dem Norden und Osten Europas zu. Hier war Brachland, Gesellschafts- und Wirtschaftsformen hatten die Entwicklung eines heimischen Handelsstandes verhindert. Der wandernde jüdische Händler füllte diese Lücke aus und stellte gleichzeitig die Verbindung zwischen dem Orient und dem Okzident her. Da er allein das Feld beherrschte, brachte ihn der Warengroßhandel schnell zu Reichtum. Mit Beginn des XI. Jahrhunderts aber konsolidieren sich die Städte. Der Kaufmannsstand erstarkt, nach innen, wie alle mittelalterlichen Erwerbsorganisationen, exklusiv, nach außen in schneller Verbindung mit dem leistungsfähigen italienischen Kaufmann. Verwehrte das erstere Moment dem Juden -die Teilnahme am. Handel, so schaltete ihn das letztere in seiner Bedeutung als Vermittler zwischen Orient und Okzident aus. Hinzu kommt, daß die Umgebung, beseelt vom Geiste _ der Kreuzzüge, aggressiv wurde und zu Judenverfolgungen schritt. So wurde der jüdische Handel allmählich völlig zerstört, zugleich auch die Zahl der Juden sehr stark gelichtet. Nunmehr mußte der vom jüdischen Großhandel angesammelte Reichtum als solcher zur Deckung der Existenzbedürfnisse verwandt werden. Der Jude betrieb Geldhandel. Das geschah nicht ganz freiwillig. Vielerorts bedurfte man seiner zur Deckung der Geldbedürfnisse der Herren und Souveräne und gab ihm aus diesem Grunde ein Zwangsdomizil. Die planmäßige Ausbeutung der geldhandelnden Juden durch die „Großen" ist bekannt. Der Weg der Wanderung, die stete und letzte Hilfe der Juden gegen die Gefährdung ihrer Existenzbasis, war ihnen gerade in dieser Zeit, dem ausgehenden Mittelalter, fast völlig verschlossen.^ Ein karger Abfluß nach England verlor durch die dortige Judenvertreibung seine Wirkung, in der Türkei lagen noch nicht die Voraussetzungen vor, die es später zu einer ungefährdeten Zufluchtsstätte machten, der Osten, war noch nicht reif für die Tätigkeit des jüdischen Kaufmanns, und in Spanien begann der wachsende Druck, der zur Vertreibung führte. So wand sich die jüdische Masse unter einem unerträglichen wirtschaftlichen Druck von allen Seiten her, ohne nach der einen oder anderen hin ausweichen zu können. - Erst mit der Errichtung des Türkischen Reiches eröffnete sich ein neues und verheißendes Abflußgebiet. Das junge Staatswesen brauchte — ähnlich wie das babylonische Reich in seiner Entstehung — einen starken und leistungsfähigen Handels- und Handwerkerstand, der in der Lage war, dem Staate wirtschaftliche Kraft zu geben, ohne daß die Herrscher dafür auf die feindlich widerstrebende besiegte Bevölkerung zurückzugreifen brauchten. Die Sultane fanden in den aus Spanien vertriebenen Juden das geeignete Menschenmaterial, die Juden ihrerseits griffen begierig nach dieser Existenzmöglichkeit. In der Tat zog die Türkei den größten Teil der Vertriebenen an sich. Der Rest entfernte sich auf manigfachen Wegen, teils nach Ägypten, wo sie an dem Wohlstand der türkischen Juden, die mit