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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der jüdischen Wanderung
Date
1920-01-01
Page
29 (sequence 13)
Language
German
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IRI
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Probleme der jüdischen Wanderung 29 einwandern. Es ist eine bekannte Weisheit, daß die Juden bis zum Beginn der sogen, überseeischen Auswanderung, die etwa für das Jahr 1870 zu datieren ist, von. Ländern höherer wirtschaftlicher Kultur nach Ländern, wanderten, die erst in der wirtschaftlichen Entwicklung begriffen waren, von da an aber aus Ländern niederer wirtschaftlicher Kultur in solche größter ökonomischer Entwicklung abzufließen begannen. Aus dieser Gesetzmäßigkeit folgt, daß jeweils der ökonomische Status eines Landes von dem Existenzbedürfnis der jüdischen Massen ausgewertet wurde und entweder Einwanderung oder Auswanderung bedingte. Das Palästina der hellenistischen Zeit hatte seine Bedeutung als Durchgangsland des Welthandels eingebüßt. Das staatliche und wirtschaftliche Leben zerfiel. Sah sich der Handelsstand von früheren Erwerbsmöglichkeiten abgeschnitten, so untergrub der Großgrundbesitz gleicherweise die Existenz der jüdischen Bauern. Beide begannen zu wandern, dieser als Binnenwanderer, indem er vom platten Lande in die Städte zog, jener als „Auswanderer", indem er dem veränderten Wege des Großhandels folgte. Dieser ging jetzt über das Mittelländische Meer, mit Alexandria als Ausgangspunkt. Von hier wies ein deutlicher Weg nach Rom, dem großen Konsumenten ägyptischen Getreides. Folgerichtig wuchs allmählich der Bestand an Juden im römischen Reiche, der allerdings durch eine Zwangswanderung, die schon erwähnten jüdischen Gefangenen, nicht unwesentlich gestärkt wurde. Solange die italienischen Städte willige Abnehmer für Massenprodukte waren und es vermöge ihres Wohlstandes sein konnten, fanden die Juden als die Vermittler dieses Konsums ausreichende und lohnende Betätigung. Der allmähliche Verfall des römischen Reiches, das Nachlassen seiner Produktivität, das allmähliche Umschichten von der Geldwirtschaft zur Naturalwirtschaft lähmten die Kaufkraft der Bevölkerung, bezw. machten den Handel entbehrlich dadurch, daß die breiten Massen aus ihrer Wirtschaftsform den Eigenbedarf selbst deckten. Der Jude machte jedoch den Schritt zur Naturalwirtschaft nicht mit, sondern konzentrierte sich auf Handelsobjekte, für welche ein Bedürfnis noch zu decken war, d. h. Luxusgegenstände und Sklaven. Zugleich fing er an, einen Bedarf zu decken, den er allein decken konnte: den Geldbedarf der Herren und der Großen. Daß bei dieser schmalen Erwerbsbasis kein Anreiz zu weiterem Zuzug gegeben war, liegt nahe. Hinzu kommt, daß das beginnende und fortschreitende Mittelalter eine Blüte des italienischen Kaufmannsstandes brachte, der den jüdischen Kaufmann verdrängte bezw. gänzlich ausschloß. So trifft die Vertreibung der Juden Mitte des 9. Jahrhunderts nur eine geringe Bevölkerungszahl. Damit ist zugleich der Süden Europas für die jüdische Wirtschaftswanderung einstweilen erledigt. Die damaligen Hauptsammelpunkte der Juden, Spanien und Portugal, hatten trotz des Reichtums der Länder infolge ihrer Unproduktiven Wirtschaft einen starken Bedarf an Produkten des Auslandes; so daß die vermittelnde jüdische Tätigkeit reichlichen Erwerb

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