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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der jüdischen Wanderung
Date
1920-01-01
Page
28 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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28 Julius Katzenstein: Der hier festgestellte Charakter der jüdischen Wanderung unterscheidet sich in einem höchst wesentlichen Punkte von dem aller anderen Migrationen. -Für alle anderen Völker bedeutet die Wanderung ihrer Volkselemente entweder Konsolidation ihrer Volkskörper oder allmähliche Auflösung. Immer ist ein bestehender Volkskern Basis der Wanderung. Bei der jüdischen Wanderung allein kann weder von Konsolidation noch von eigentlicher Abbröckelung gesprochen werden, weil ein Volkskern in dem eben besprochenen Sinne gar nicht besteht, sondern nur jeweils ein Zentrum in den einzelnen Ländern, d. h. eine rein zahlenmäßige Anhäufung von Juden. Dieses Zentrum ist Ausgangs- und Endpunkt der jüdischen Wanderung. Ihr Erfolg ist lediglich Verschiebung dieser Zentren. Das Schwankende der jüdisch-völkischen Existenz findet darin seinen Ausdruck. Damit ist aber nicht gesagt, daß die Ablösung der Volkselemente etwas der jüdischen Wanderung Fremdes sei. Jede Einsprengung einer Minorität in fremde Gemeinschaften erzeugt Reibung an den Randflächen und drückt sich in Assimilation aus. Um so mehr ist das der Fall, wo die Verschiebung der Zentren aus Existenznotwendigkeiten entsteht und diese wieder in dem Immigrationslande eine intime Fühlungnahme mit der Wirtschafts- und Gesellschaftsform der Umgebung bedingen. In allen Ländern jüdischer Immigration zahlt das Judentum stets von neuem diesen Tribut. Die Gesetzmäßigkeit der jüdischen Wanderung. Schon wiederholt ist angedeutet, bezw. behauptet worden, daß Fragen der nackten Existenz für die jüdische Wanderung bestimmend gewesen seien. Das ist in diesem Abschnitt zu belegen. Außer Acht zu lassen sind nach der oben gegebenen Schematisierung und nach dem Sinn und Zweck der vorliegenden Darstellung alle einmaligen, ob inneren oder äußeren Anlässe zur Wanderung. Zwar haben sie ihre große Bedeutung und bei der Fragestellung am Schluß, wie man die jüdische Wanderung zu gestalten habe, um sie zu beenden, wird man auf Mittel bedacht sein müssen, welche auch solche einmaligen Anlässe ausschalten können, es läßt sich aber ihrer Einmaligkeit wegen aus ihnen kein Argument gewinnen, das dauernde und typische Geltung beanspruchen kann. Ein Moment, ohne das die jüdischen Wanderungen überhaupt nicht gedacht werden können, liegt darin, daß die Juden über die verschiedenen Länder der Welt zerstreut sind. Vom 1. nachchristl. Jahrhundert bis auf die heutige Zeit stand das Kontingent an Juden in ihrem Heimatslande Palästina zu dem Kontingent in allen anderen Ländern überhaupt in keinem nennenswerten Verhältnis. In Palästina selbst stellen sie genau wie überall sonst, eine Minorität dar. Der Weg nun, der zu dieser weitgehenden Zerstreuung geführt hat, ist kein vom Zufall bestimmter, vielmehr erhält er seine Direktive aus der Richtung des wirtschaftlichen Zustandes der Länder her, in welche die Juden

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