Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 24 (sequence 8)
- Language
- German
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24 Julius Katzenstein: treibung aus Frankreich (1306) zerstreute sich ein Teil nach allen Richtungen, ein Teil kehrte neun Jahre später nach Frankreich zurück, ein geringerer Teil wanderte nach Deutschland weiter, das schon vorher aus England über Frankreich eingewanderte Juden aufgenommen hatte. Nachdem England durch die politische Aktion Cromwells wieder für die Juden geöffnet wurde, fand auch ein Teil der vertriebenen portugiesischen Juden dort Aufnahme. Das tiefe Mittelalter lenkt in Europa den Strom jüdischer Wanderung in steigendem Flusse nach dem Osten. Die Route Frankreich — Deutschland— Polen — Rußland erhält in der weiteren Zeitfolge ihre Konstanz. Annexion polnischen Gebietes durch Rußland treibt die Juden bis an die äußersten Grenzen, unter denen jüdische Massen Gebiete überhaupt noch besiedeln. Die Einzelheiten dieser Wege aufzuführen, hieße den Rahmen dieser Darstellung überschreiten. Es genügt hier festzustellen, daß nach der Aufstauung jüdischer Massen im Osten eine Rückwärtsbewegung * nach dem Westen einsetzt, die zunächst zu einer starken Verdichtung in Polen führt und von dort mit der Besserung überseeischer Verbindungen über einen — allerdings nicht unbeträchtlichen — Abfluss nach Deutschland und England und einer sehr geringen Wanderung nach Palästina hinaus einen konstanten, nur durch den Krieg zwangsweise unterbrochenen Strom nach nach Amerika ergießt. Der Wille, diesen Weg aufzunehmen, tritt trotz der erschwerten Reise- und Einwanderungsbedingungen schon heute wieder in die Erscheinung. Diesem kurzen Abriß des äußeren Emigrationsweges ist eine mit der Begründung der modernen Staaten anhebende Form der Wanderung hinzuzufügen, deren Bedeutung noch zur Besprechung kommen wird: die Binnenwanderung. Eine Form derselben, die der russischen Juden nach Kongreßpolen, ist schon bezeichnet. Ihr steht an Wichtigkeit die andere Form der _. Wanderung vom platten Lande in die Stadt und von den Kleinstädten in die Hauptstädte gleich. Dieser Erscheinung steht bei der großen amerikanischen Immigration die Konzentration des Haupstromes der Emigration in New-York gleich. Auch diese Binnenwanderung ist noch nicht zum Abschluß gekommen, hat vielmehr während des Krieges noch eine Steigerung erfahren. Die Anlässe derjüdischen Wanderung. Die Anlässe der jüdischen Wanderung gruppieren sich in innere und äussere sowie in einmalige und gesetzmässige. Unter dem inneren Anlaß ist eine zur Migration neigende Veranlagung des Volkes oder eine durch ausschließlich innerhalb des Volkstums wirkende Ereignisse bedingte Wanderung zu verstehen. Eine solche finden wir im Grunde nur in der Nomadenzeit unseres Volkes, wo seine Art und seine völkische Verfassung auf ständige Ortsveränderung gerichtet sind. Fortab bedingen ausschließlich äußere Anlässe, d. h. solche, die sich aus dem Verhältnis der Juden zu ihrer Umgebung herleiten, die Wanderungen. Zu einem Teil