Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101177-3106362--4760-3106408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Probleme der jüdischen Wanderung 23 Juden befinden. Zeit genug zu dieser Zerstreuung hat das Judentum gehabt. Die erste große Wanderung — deren Verlauf uns allerdings historisch nicht mehr faßbar ist — bildet die Fortführung des wesentlichen Volksbestandes des Reiches Israel im Jahre 722. Die dann folgenden Wanderungen sind die beiden großen Deportationen nach Babylonien in den Jahren 597 und 586* Ihnen folgt, zeitlich und räumlich, die Rückkehr nach Judäa 50 Jahre später. Die Stabilität der heimgekehrten Massen ist von unverhältnismäßig geringer Dauer. Mit der Ausbreitung des Hellenismus beginnt eine allmähliche Absplitterung, welche, in ihren Anfängen unbedeutend und scheinbar ohne bestimmten Richtungssinn, doch in kurzer Zeit zu einer konstanten Bewegung wird und derartige Zahlen aufweist, daß man von einer Wanderung sprechen muß. Als Belag dafür dient uns der Umstand, daß Ägypten bezw. Alexandria im ersten nachchristlichen Jahrhundert rund eine Million Juden aufweist. Die Juden besetzten hierbei weniger das Hinterland, als vielmehr die Küstengegend mit ihrer durch die Seefahrt ermöglichten bequemen Kommunikation mit anderen Ländern. So sehen wir, ohne merkbaren zeitlichen Unterschied, Juden in Rom auftreten, und zwar, abgesehen von denen, die als Gefangene dorthin kamen, in einer Zahl, welche dieser Ortsveränderung das Zufällige nimmt und sie zu einer ausgesprochenen Wanderbewegung macht. Mit der Zerstörung des zweiten Tempels und der dadurch bedingten großen Abwanderung nach Babylonien wird für einige Zeit der Versuch - gemacht, ein. Zentrum zu bilden und seßhaft zu werden. Trotzdem wird dieses Zentrum für das Ende des fünften Jahrhunderts erneut zum Ausgangspunkt von Wanderungen nach drei Richtungen hin, nach Arabien, wo bereits auf anderen Wegen eingewanderte Juden wohnten, nach Indien und nach Persien. Noch einmal, im neunten Jahrhundert, wandert die Sekte der Karäer von dort aus und wendet sich in der Hauptsache über Syrien nach der Krim, wohin schon früher (723) beträchtliche Mengen byzantinischer Juden ausgewandert waren, die dann späterhin Sezessionen nach dem Kaukasus vornahmen. Die weiteren Abwanderungen aus dem babylonischen Zentrum weisen keine ausgesprochenen Richtungen auf und verlieren sich in der ständigen Migration. Noch während der Existenz des babylonischen Zentrums und wahrscheinlich über Italien treten die Juden in Spanien und Portugal aul und richten dort mit Hilfe der arabischen Eroberer starke Positionen ein. Mit der Vertreibung aus Spanien (1492) wenden sie sich zunächst nach Portugal, von dort aus, als ihre Position unhaltbar wurde, nach Algerien, Amerika, Ägypten, Frankreich, Holland, Marokko und der T ü r k e i. Von der Türkei aus fand nach der Eroberung von Byzanz durch Mohamed (1453) eine eigentliche jüdische Auswanderung nicht mehr statt, sondern ein Zuwachs aus Deutschland vertriebener Juden, auch aus dem Kirchenstaate Ende des 16. Jahrhunderts. Frankreich nahm außer den aus Italien hinaufziehenden Juden noch die 1296 aus England vertriebenen Juden auf. Nach der Ver-