Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Julius Katzen stein: Wer gewohnt ist, in der jüdischen Wanderung den Ausdruck der großen Tragik unseres unsteten Volkstums zu finden, wer die nie unterbrochene Kette der Flüchtigen umgeben hat mit Phantasien eines besseren und. glücklicheren Loses, der wird sich leicht scheuen, zu den Wurzeln des Uebels herniedersteigend, ökonomische Tatsachen, Fragen des nackten Daseins, als die wesentliche Ursache der Wanderungsbewegung anzuerkennen. Es ist wohl wahr, daß mit der Aufdeckung ökonomischer Fragen allein nicht aller Grund der Wanderung gegeben ist, denn abgesehen von Gründen, die rein einen Akt tatsächlicher Gewalt darstellen und mehr Austreibung als Migration sind, ist die Sonderheit der ökonomischen Lage der Juden in der ganzen Welt nicht nur aus ihrer Einsprengung in das soziale Gefüge der Wirtsvölker zu erklären, bestimmt sie sich nicht nur aus der wirtschaftlichen Verfassung der Umgebung. Eignung der Juden zu diesem oder jenem Zweig der Wirtschaft, kulturelle Momente, seelische Widerstände der umgebenden Majorität, Imponderabilien schaffen, bedingen oder beeinflussen die Sonderheit der ökonomischen Stellung und werden damit zu ihren tieferen Gründen und Ursachen. Aber was die Wanderungsbewegung auslöst, was insbesondere die großen Massen des Ostens zur endgültigen Verlegung ihres bisherigen Lebenskreises zwingt, sind doch letztlich — von wenigen, stoßweise wirkenden Ereignissen abgesehen — ökonomische Verhältnisse von konstantem Druck. Dieses Bedingtsein unserer Wanderung durch äußere Tatsachen und zugleich damit durch die Interessen der umgebenden Staaten und Völker darf nicht aus dem Auge verloren werden. Es gibt schon heute Versuche einer Geschichte der jüdischen Wanderbewegung, und es hat einen melancholisch anmutenden Reiz, der Hypothese der alten Historiker zu folgen, die die Wanderung als Strafe betrachten, beschwert mit der Bürde der Mission. Die Wirklichkeit aber verrät nichts derartiges. Unsere Wanderungen — auch der vorgeschichtlichen Zeit — sind mit dürren Tatsachen zu begründen. Dahin gehören als früheste die Wanderung nach Gosen und die langsame Einwanderung nach Kanaan, jene als die Flucht vor dem Hunger, diese als eine Suche nach eigenem Lande. Wir haben mit diesen zwei Ereignissen, die uns eigentlich nur noch geschichtlich interessieren, dem Sinne nach aber zugleich auch den tiefsten wirtschaftlichen Grund aller jüdischen Wanderung und weiter das Mittel, das die Wanderungen beenden kann, bezeichnet: das stete Abgedrängtwerden durch die Anormalität der wirtschaftlichen Position der Juden und die Okkupation eines eigenen Territoriums, das eine normale und produktive Entfaltung möglich macht. Die nachfolgenden Betrachtungen werden diese Behauptung rechtfertigen. Die Wege der jüdischen Wanderung. Man kann sagen, daß die räumliche Ausdehnung der jüdischen Wanderung immer so weit ging wie die jeweiligen Grenzen der zivilisierten Länder. Heute wird es kaum ein bewohntes Land geben, in welchem sich nicht