Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 21 (sequence 5)
- Language
- German
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Probleme der jüdischen Wanderung 21 Erwägungen bestimmen das Emigrationsland, das zunächst zu bevorzugen ist. Fassungsvermögen des Landes auf der einen Seite und nationale Konzentration der Galuthjuden auf der anderen erzeugen Rückwanderung, Binnenwanderung und SpezialWanderung. Vorbereitung zur Uebersiedlung nach Palästina schichtet Berufe um und verschiebt Ort und Art der Existenzen. Kurz gesagt: Bedingte bisher die jüdische Wanderung die Judenfrage, so muß fortan die Judenfrage die jüdische Wanderung bedingen. Der Jude wird so oft und so weit und dahin wandern, wie das jüdische Volk es bestimmen wird. Die Einzigartigkeit der bevorstehenden Wanderung schafft gleichzeitig auch neue Kategorien. Soweit sie dem Aulbau des jüdischen Zentrums in Palästina dienen soll, wird man von der Hauptwanderung sprechen müssen. Alle anders gerichteten Wanderbewegungen, mögen sie im übrigen Konzentration in anderen Ländern oder Dezentralisation bedeuten, werden unter dem Begriff der Nebenwanderung zusammenzufassen sein. Daß hierbei die Zahlen der Kategorien voraussichtlich für lange Zeiten im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Bezeichnung stehen werden, beeinträchtigt die Unterscheidung nicht. Es verlohnt sich, ehe wir den bisherigen Verlauf der Wanderungen und die daraus zu ziehenden Gesetzmäßigkeiten mit unseren Zukunftserwartungen vergleichen, noch einen Augenblick bei diesen theoretischen Forderungen zu verweilen. Es ist gewiß, daß das allgemeine Interesse an der jüdischen Wanderung sich ungemein heben wird, wenn man sich vorstellt, wie ohne Beispiel und Analogie dieses Beginnen ist. Die Bewegung eines Volkskörpers, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt und die in ihrer Gesamtheit phantastische Zahlen umfaßt, soll fortab von einem Willen geleitet und einer Idee untergeordnet werden. Die dunkle Zufälligkeit wechselnder Gründe soll ihre Geltung verlieren. Die Planmäßigkeit einer nationalen Rekonstruktion soll das unverbundene Schicksal von Millionen verankern. Wie fortab gewandert werden soll, stellt ein Novum dar. Die Art der Assyrer, ihre Volksgenossen nach eroberten Gebieten äu verpflanzen, die Bemühungen der Griechen und Römer, sich durch die Methode ihrer Kolonisierung auszudehnen, die Versuche der Japaner, auf Grund von Regierungsverträgen in Brasilien gepachtetes Land systematisch zu besiedeln, vertragen, obgleich auch sie gewollte und dirigierte Wanderungen darstellen, schon des Umfangs wegen keinen Vergleich. Unterschiedlich aber wirkt — hier und im Vergleich zu allen anderen Wanderungen — vor allem, daß es sich dort um eine von einem geschlossenen Zentrum ausgehende Emigration handelt, während unser Fall Immigration in ein Zentrum darstellt, das zudem stärker in den Herzen als in der Wirklichkeit besteht. Auch andere Völker sind heute noch in der Konstituierung begriffen, so Brasilien, Kanada, Australien, (die politischen Konstituierungen, wie sie die Friedensverträge bedingen, kommen hier nicht in Betracht), aber keines setzt zu diesem Zwecke die Wanderung seiner Volkselemente in Bewegung.