Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Julius Katzenstein: im wesentlichen fehlte, war eine genaue, der jeweiligen jüdisch-politischen Lage entsprechende Formulierung des Problems. Diese ist auch heute noch nicht vorhanden, wenn auch Katzenelson und (in kurzem Hinweis) zuletzt Kaplun-Kogan sowie Nathan Birnbaum die jüdische Wanderung und die Erhaltung der jüdischen Nation als unlösbar miteinander verbundene Probleme betrachten. Nur Trietsch hat schon in seiner oben zitierten Kritik die jüdische Wanderung mit Entschiedenheit an die Spitze aller zionistischen Probleme gerückt. Jetzt, wo wir an den Toren der Entscheidung stehen, wo das Ausmaß unserer politischen Berechtigung — die unerläßliche Voraussetzung jeder umfassenden Regelung der jüdischen Emigration — zu überblicken sein wird, wird die oben gebrauchte Formel „Schaffung eines geschlossenen jüdischen Volkstums" der beherrschende Gesichtspunkt für die Betrachtung der jüdischen Wanderung werden können und müssen. Es liegt auf der Hand, daß der Wille, die Emigration nach der — programmatisch geforderten — Erhaltung des jüdischen Volkes zu werten, die Verpflichtung mit sich bringt, Schritte zu ergreifen, welche diese nationale Erhaltung garantieren. Damit wächst das Interesse am Problem über Wissenschaft „und Wohltun und Humanität hinaus. Man betrachtet die Wanderung nicht mehr, sondern man beeinflusst sie. Die Erforschung und Untersuchung verliert ihren Charakter als Selbstzweck. Sie wird Mittel zum Zweck. Geht man dann einen Schritt weiter, kommt man dahin, die Emigration nur noch unter dem Gesichtspunkt zu werten, wie sie sich der von uns erkannten Lösung des Gesamtproblems — dem Zionismus — einordnen läßt, po hat man damit nicht nur die früheren Fragestellungen überholt, sondern in Wirklichkeit das Problem schon völlig umgestaltet. Alle bisherigen Untersuchungen sinken herab zum Material. Die Wanderung wird alsdann ^Gegenstand. Sie wird geleitet, erzeugt, unterbunden, abgelenkt, je nachdem es das Bedürfnis der jüdischen Volksgesamtheit verlangt. Gewinnen wir so auf der einen Seite einen neuen Gesichtspunkt für die jüdische Wanderung, so stellt die Entwicklung, welche das ermöglichte, einen selbständigen Grund zur Wanderung, eben den nationalen, in den Vordergrund. Er ist bislang im Verhältnis zu den anderen Gründen minimal gewesen. Welche Aussichten er hat, zum primären Grunde zu werden, wird später zu betrachten sein. Es muß für diese Betrachtung zunächst unterstellt werden, daß die politische Entwicklung alle unsere Forderungen in Bezug auf Palästina bewilligt. Dann ergeben sich daraus eine Fülle von Anforderungen, die an das zu diesem Zwecke benötigte Material an jüdischen Menschen gestellt werden müssen. Politische Gründe — die rMajorität im Lande — verlangen eine Zahl, die der der Eingeborenen überlegen ist. Zugleich bestimmen sie sehr wesentlich das Tempo der Immigration. Wirtschaftliche Gründe — Eignung zum Ackerbau und Handwerk — bedingen eine sachliche Auslese. Oekonomie der Verwaltung schreibt den Weg der Wanderung vor. Humane