Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101177-3106361--4751-3106400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im Wirbel der Geschichte 15 Alle freuen sie sich, in den Krieg ziehen zu müssen, sich so von den Alltagssorgen frei zu wissen, alle spüren sie die Erschütterung, auf die sie immer warteten. — Nachher, als der Krieg zum traurigen, unausstehlichen Alltag ausartete, wußte ich es zur Genüge: Nicht der Krieg, sondern das historische Mysterium, die Sehnsucht nach historischer Erfüllung war es, die in mir die freudige Erschütterung hervorrief. Dies wurde noch deutlicher, als die Revolution die Erbschaft des Krieges antrat, als das historische Mysterium des Russentums sich zu enthüllen begann. Da waren auch schöne Sonnentage, als tausend und abertausend mit Flinten und Bajonetten bewaffneter Karatajews zur Duma (dem russischen Parlament) zogen. Wir ostisraelitischen Europäer, die den „Patriotismus" bereits erlebt hatten und zugleich in aller Stille mit den Karatajews fühlten und litten, wir verstanden im Nu den Sinn der Worte, die zwischen den bewaffneten Kriegern und denen, die ihnen in der Duma begegneten, gewechselt wurden. Die Herren von der Duma wähnten, im besten Einvernehmen sich mit dem „patriotischen" Volke zu befinden. Allein einige unter uns sahen es deutlich, daß das „Volk" und die „Gesellschaft" einander gar nicht verstanden, und schon am dritten Tage erzählte ich öffentlich in einer Petersburger Zeitung vom großen Mißverständnis, daß da sich ereignet hatte und doch sicherlich große unabsehbare Folgen nach sich ziehen würde. Die einen träumten von Siegen des nun befreiten, „patriotischen" Volkes auf den weiten Kriegsfeldern, nach westeuropäischem Muster. Die anderen verlangte es nachBefreiung vom „Patriotismus", nach echt russischer Volksfreiheit. Zwei grundverschiedene Wahrheiten standen einander gegenüber. Das historische Mysterium von Volks- und Staatswerden wandelte sich in das Mysterium der Revolution. Der Weltkrieg wurde in russischen Landen zu einem Kinderspiel im Vergleich mit dem, was jetzt im Anzüge war. Den Krieg leiteten und führten die „Patrioten", die Staatsgläubigen, eine dünne Schicht im russischen Reiche. An der Revolution aber nahmen das Volk und die Völker der weiten russischen Erde teil. Die. Geschichte sprach auf einmal in tausend Zungen. Nicht nur das Volk sondern alle Völker und Stämme suchten Rache zu nehmen dafür, daß man sie so lange verhindert hatte, ihrer eigenen Lebensgeschichte nachzugehen. Die zwanzig Millionen mobilisierter Krieger voran entsagten der „fremden" Staatsgewalt. Der irregeführte russische Patriotismus war zuschanden gemacht. Der Zusammenbruch des wunderlichen Reiches war zur Tatsache geworden. Und in all unseren Hirzen hörten wir den Widerhall der alten Weise: „Babel war ein goldenes Gefäß in den Händen des Herrn, darauf die Völker trunken wurden; die Völker tranken Wein und wurden irre". Hinter den Trümmern des großen Reiches spüren wir die Macht der schier unübersehbaren Anzahl der Völker-Willen zur eigenen Geschichte. Und nur das große russische Volk hält fest am universellen Geist des Russentums und vermag sich nicht vom Mirakel der Revolution zu befreien. Irgendwo im russischen Lande liegt sie, die verzauberte Stadt der Frommen, die wunderliche Stadt Kitesch. Nähert man sich ihr,