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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1920-01-01
Page
14 (sequence 6)
Language
German
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H David Koigen: außerhalb des Rahmens der Petersburger Staatsaspirationen hielt, die im Lauf der Jahrhunderte die Freischärler (Wolniza) hervorzauberte, Millionen von religiösen Sektireren schuf und zuletzt eine grandiose Ideologie der Volkstümlichkeit und des Volkstums (Narodnitschestwo) aufrichtete. Schon die Slawophilen beherzigten die Idee von der Eigennatur des russischen Volkes, die Alexander Herzen und Michael Bakunin in den Volksinstitutionen der ländlichen Gemeinwirtschaft und dergleichen mehr wiederentdeckten. Allein der wahrhaft christliche, der Gewalt ausweichende und die Macht verschmähende Geist dieser Kleinen und Vielen hielt sich verborgen. Sein Verlangen nach eigener Geschichte, nach eigenem Selbst und Volkswerden trat in den Hintergrund. Erst als der Weltkrieg ausbrach, kam er plötzlich zum Vorschein. Die russische Welt nannte ihn bei Namen, man erkannte in ihm den stillen, verborgen sich haltenden Volkshelden Karatajew aus Tolstois „Krieg und Frieden". Und Karatajew war es gerade, dessen menschlichem Zauber auch die Juden sich nicht zu entziehen vermochten, für den auch viele der ostjüdischen Europäer zu Staatsverbrechern wurden, so oft den Leidensweg nach Sibirien antraten und auf den schließlich sie ihre Hoffnung setzten. In Gemeinschaft mit den Karatajews suchten sie ihre historische Sehnsucht zu stillen. Der Krieg brachte große Enttäuschungen. Der weltliche politische Nationalismus verdächtigte die Juden der Deutschfreundlichkeit, und es begannen die barbarischen Ausweisungen ganzer Völkermassen. Nach der Beilisiade die zweite große Prüfung für den russisch-jüdischen Geist. Es kam abermals zu einer Spaltung im jüdischen öffentlichen Bewußtsein. Die einen blieben „Patrioten" nach dem Prinzip: „tandem"; es wurde ihnen nämlich schwer, sich vom historischen Tun loszusagen. Die anderen suchten die „Historie" den Blicken des stummen Karatajew abzulesen, sie hegten die Hoffnung, daß auch er, der mit all seinem historischen Volksinstinkt den europäischen nationalistischen Patriotismus geradezu haßte, doch einmal zur Sprache kommen werde. Und sie haben recht behalten, die jüdischen Revolutionäre yon Gnaden des Stolypinschen Nationalismus. Noch jetzt erinnere ich mich lebhaft des Gefühls, das mich beim Ausbruch des Krieges erfaßte. Es war ein schöner Sonnentag, in Udelnaja, einem Vorort von Petersburg, als mich die Nachricht ereilte. Ich wanderte mit einem deutsch-russischen Freund. Mich durchzuckte eine förmliche Freude, die meinem Freund nicht sonderlich gefiel. Ich aber fühlte, daß nun etwas sich ereignet, worauf seit Jahren alle Welt wartete, wovon aber niemand laut zu sprechen wagte. Die Luft in ganz Europa war zu dumpf, die Ideale des neunzehnten Jahrhunderts waren verblaßt, eigene Ziele fehlten unserem Jahrhundert ganz und gar. Später, während der ernsten grausamen Jahre des Krieges, stieß ich gelegentlich auf eine Aeußerung in Dostojewskis Tagebuch, in der ich meine ursprüngliche Impression wiedererkannte. Glauben Sie ihnen, den Leuten nicht — schrieb dieser tiefe Menschenkenner —, wenn sie von Abscheu sprechen, den sie angeblich dem Kriege gegenüber hegen.

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