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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1920-01-01
Page
16 (sequence 8)
Language
German
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i6 David Kolgen: so verschwindet sie vom Antlitz der Erde. Es gibt aber keine Macht in der Welt, die der Sehnsucht nach der Stadt Kitesch, nach dem Jerusalem im Russenlande zu widerstehen vermöchte. Und. wer dich einmal im Traum gesehen hat, der vergißt dich nie, Jerusalem! Vor aller Welt steht er da, der erwachte russische Riese mit dem Doppelantlitz des Janus. In seiner Rechten hält er krampfhaft das mit Blut befleckte Schwert der Revolution, während der Blick, gegen Jerusalem gewendet, sich irgendwo in der verzauberten Stadt der Stillen verliert. Wer hinter dem bestialischen Prätorianer-Gesicht den demutvollen Galiläer nicht wahrgenommen hat, der hat da nichts gesehen; mit wem der Furor der schonungslosen Gewalt- und Machtimpression nicht umgegangen ist, wer ins schreckliche Antlitz des menschlichen Urwesens keinen Blick getan hat, der hat wiederum nichts vom revolutionären Drama verstanden. Und wer die Geschichte will — so wird uns von „rechts" und „links" entgegengehalten —, muß auch ihre Dialektik wollen. Im historischen Tun kommt es vornehmlich auf das Bis-zu-Ende-gehen-Wollen und -Können an. Für uns israelitische Europäer entsteht hier eine schier unabsehbare Anzahl von Fragen. Gerade die historische Dialektik — ganz gleich: ob wir zur Revolution oder zur Reaktion halten — stellt uns vor das Problem: dürfen wir bis zu Ende gehen, können wir es? Die Dialektik gestaltet dies oft für uns zur Tragödie, die uns zum Verhängnis wird. Vom Subjekt der Ge^- schichte werden wir leicht zu ihrem Sündenbock. Gerade unsere anormale Stellung in der Welt und die daraus erwachsene historische Sehnsucht nötigte uns, den Leidensweg fremder Geschichte bis zu Ende auszukosten, unser Dasein, unsere ganze moralische Einstellung ließ uns aber oft den Fluch ausstoßen: Du verstörte Tochter Babel, .wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast! Unser großes Leid, von dem die Welt noch keine Ahnung hat, unser erwachtes Gewissen stellt sich dem Genius der Revolution, ihrem Fatum entgegen. Wir wollen und können nicht mehr die Historie lediglich ihres Mysteriums wegen bejahen und rechtfertigen. Und doch in der größten Not der Zeit,- die die Judenheit tiefer traf, als alle anderen, vermögen wir nicht unseren Blick von der verzaubert liegenden, verborgenen Stadt, von „Jerusalem" abzuwenden. Für uns birgt sowohl der Krieg wie die Revolution, birgt die sogenannte kriegs-revolutionäre Epoche nicht nur ein historisches, sondern auch ein moralisches Problem in sich. Und noch jetzt, wo ich mich bereits außerhalb des historischen Spieles weiß und die gesegnete Erde deutscher Kultur unter den Füßen spüre, wo die russische Tragödie samt ihren verhängnisvollen Helden zu verblassen scheint, muß ich fortwährend an ihre schreckliche Schönheit zurückdenken und oft sage ich es im Stillen vor mich her: Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen. Außerhalb der historischen gibt es noch eine moralische Dialektik. Ich fürchte, der Hochflug der Geschichte könnte uns den Willen zur Geschichte selbst auf lange hinaus nehmen.

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