Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. Im Wirbel der Geschichte 13 Das russische philosophische Denken ist vorwiegend ein geschichtsphilosophisches und dann, in zweiter Linie, ein theologisches. Angefangen hat es bereits mit der Lostrennung der morgenländischen orthodoxen Kirche vom allgemeinen christlichen Katholikos. Die unmittelbare apostolische Heilslehre, von den katholischen Regierungsaspirationen noch nicht entstellt, sei einzig und allein der russischen Rechtgläubigkeit („Prawoslawije") zuteil. Eine Gnadenkirche will die russische Kirche sein. Im Zusammenhang damit wuchs der bezaubernde Gedanke vom dritten Rom und Moskau als seinem Sitz empor. In der Folge erhielt dieser auch politische Werbekraft. Die eigentlichen, autochthonen russischen Philosophen und zwar die Slawophilen — all diese Kirejewski, Chomjakow, Samarin und dann die späteren Epigonen, wie Orest Müller, Danilewsky usw. usw. bis hinauf zu Wladimir Solowjew und dem Römandichter Dostojewski — sind, vornehmlich Geschichtsphilosophen und Theologen. Alle wähnen im Besitze einer unaussprechlichen religiösen Wahrheit zu sein, alle suchen sie den Platz und die Rolle des Russentums in der Welt festzustellen, alle gehen darauf aus, ein besonderes historisches Pathos dem Russentum beizubringen, das in der Folge vom Staate, von den Machthabern mit einem politischen Gehalt, mit außenpolitischen Aspirationen erfüllt wird. Im Weltkriege war es im Grunde der, religions- und geschichtsphilosophische Gedanke der Slawophilen verschiedener Färbung, der da ein kriegerisches nationales Bewußtsein schmiedete. Die religiöse Wahrheit des Russentums stellte man in den Dienst des Staates, dessen Ziele und Bestrebungen dem Volke, den Millionen mobilisierter Bauern fremd und feindlich blieb. Als ich nach der Stadt Peters des Großen, dem Symbol des Imperiums, des verweltlichten Russentums, der Stadt des Hasses und der Sehnsucht Vieler anlangte, war die Liquidation der Revolution von 1905 im vollen Gange. Das öffentliche Bewußtsein wurde vom Stolypinschen*) Nationalismus, einer Art „europäischem", heidnisch-bestialischem Nationalismus beherrscht. Der universelle Geist des Russentums, wie dieser auch bei den Slawophilen zum Ausdruck gelangte, war im Aussterben begriffen. Es unterlag keinem Zweifel: die europäisierte russische Gesellschaft gesellte sich dem Staate und beide mißhandelten sie den russischen Geist. Man inszenierte die Kiewer Tragödie mit dem armen Juden Beilis als Helden in der Titelrolle. Schwere Tage erlebten wir ostjüdischen Europäer. Uns erfaßten eine tiefe Trauer, die immer sich einstellt, wenn man zusehen muß, wie ein eigenartiger, stark begabter Mensch seine Originalität, seinen besonderen Beruf im Leben verleugnet und auf einmal wie alle leben, den Vielen gleichgestellt sein will. In uns lebte zwar die Erinnerung noch an einen anders gearteten russischen Geist, an den Geist des Volkes und seiner unmittelbaren Intelligenz, die sich stets *) Wie mir persönlich Maxim Kowalewsky, der bekannte russische Rechtshistoriker und Soziologe sagte, sollen die Stölypins aus Litauen stammen. Ihr ursprünglicher Name soll Stolpner gewesen und sie jüdischer Abstammung sein.