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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1920-01-01
Page
12 (sequence 4)
Language
German
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12 David Koigen: geschichte das historische Buch der anderen Völker und manchmal nur einiger Klassen bei diesen Völkern mit unserem Tun und Leiden auszufüllen. Eine Zeit lang schien es, daß hier, im heiligen Russenland, bi> cbktoS Pycn, das in seinen Steppen den sechsten Teil des Erdballs beherbergt und wo unser so viele waren, mehr als irgendwo in der übrigen Welt, — es schien* daß uns ein anderer Weg zur Geschichte offen stehe. Man bekundete den Willen, ein eigenes jüdisches Volk, ein eigentümliches staätenartiges Dasein, eine eigene Geschichte zu bilden. Der nationale Wille der russischen Judenheit spaltete sich. Die einen stiegen in die Massen hinunter, begannen sich abzusondern und entlasteten nur dadurch die anderen, die tatenstarke Minorität, die ihre historische Sehnsucht im Russentum zu stillen suchte. Und hier angelangt, stießen die ostjüdischen Europäer auf das historische Mysterium des Russentums selbst, das ihnen so vertraut und wahlverwandt vorkam. Da hat es angefangen, das gemeinsame Gelage und Zechen, man trank den starken Wein aus einem und demselben goldenen Gefäß. Man würde das gemeinsame Vorgehen, das Zusammen gehen-Wollen der ostjüdischen Europäer mit den Russen gar nicht verstehen, wenn man nicht zuvor Klarheit über das historische Mysterium des Russentums ge-? wonnen hätte. Ich möchte es schon hier offen aussprechen, was keiner noch gesagt hat und viele sicherlich bestreiten werden: Die sogenannte Assimilation der Judenheit im Russenland ist zum allergrößten Teil eine Assimilation an den historischen Drang und Geist des Russentums und keineswegs an dessen Kultur. Ganz umgekehrt, wie es in Deutschland der Fall ist, wo christliche und israelitische Deutsche dieselbe Kultur haben, die gleichen Methoden im Leben anwenden. Ob der deutsche, der westeuropäische Jude überhaupt, ausgenommen den Juden des britischen Reiches, auch in seinem historischen Glauben und Wollen mit den sog. Wirtsvölkern innerlich zusammengeht, weiß ich nicht, ich würde es auch sehr stark in Zweifel ziehen. Die Kultur, die auf die Bildung des individuellen Lebens zugeschnitten ist, ist in Rußland auch allzu spärlich gesät, als daß man sich ihr assimilieren könnte. Ausgenommen vielleicht die kirchliche Tradition, der einzig autochthone Kulturstamm im Russentum, von dem aber, natürlicherweise, die Juden sich frei wissen. Es blieb also die historische Passion übrig, mit der man sich zu vermählen hätte. Und dies war möglich, ist durch das historische Bewußtsein des Russentums selbst geboten. Man bedenke, daß im Mittelpunkt all unseres Bewußtseins, insofern es .jüdisches Bewußtsein ist, seit vielen und vielen Jahrhunderten eine Frage emporragt: die nach dem Ort, nach der Rolle im Leben der Welt und der Geschichte; worin besteht unsere Eigenart und zu welchem Berufe sind wir da? Mit dem bloßen Faktum unseres Daseins und Soseins vermochten wir uns nie zufrieden zu geben. Ein Gedanke nagt an unserem Herzen: wozu sind wir da? Auch das Russentum, in dem Maße, als es denkt und philosophische Gesamtbilder produziert, wird von ähnlichen Fragen geradezu bestürmt.

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