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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1920-01-01
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 11 Professor, der Ingenieur Ingenieur zu sein usw. Anders der Jude in derselben Lage. Ihm will sich in dieser ernsten Stunde des jüdischen Daseins keine schützende und liebende Hand nähern. Der Gelehrte degradiert im besten Fall zum Tagesjournalisten, der Ingenieur wird Gelegenheitskaufmann und dergl. mehr. All dies nur als Beispiel dafür, in wie hohem Maße stets und überall der ostjüdische Europäer in eigener Person seine Lebensgeschichte zu verrichten hat. Mancher würde darob in helle Freude geraten. Seht den Juden, den Freien und Unabhängigen! Alles, was er hat und erwirbt, hat er lediglich sich selbst zu verdanken, all seine Verdienste dürfen nur ihm allein zugerechnet werden. Und bekanntlich hat der große Kant selbst die himmlische Seligkeit lediglich als Schöpfung der eigensten moralischen Arbeit gelten lassen. Nach einem in anderem Zusammenhange geäußerten Worte des „unmodernen" Goethe: „Erwirb es, um es zu besitzen." Nur sind wir lebendigen Menschen keine Kantianer, nicht nur Kantianer. Das moralische Zugerechnetsein, wie es unsere Schöpfungsfreude auch vermehrt, bringt uns nicht vom Fleck, läßt uns oft in ein Milieu hinuntersteigen, das, unser nicht würdig, uns dazu verleitet, mit niedrigeren, primitiveren Mitteln den sogenannten Kampf ums Dasein zu bewerkstelligen. Ich denke und dachte es besonders leidenschaftlich mitten im Wirbel des historischen Hochfluges, daß gerade die Notwendigkeit, die individuelle private Geschichte ganz und gar auf eigene Faust zu verrichten, diese im Mittelpunkt des Daseins zu wissen, in uns Juden mit ungeheurer Wucht das Gefühl für die große Geschichte, für die Historie der Völker erweckt und ständig wach hält. Wir wollen, wir müssen von Zeit zu Zeit von der privaten Geschichte ausruhen. Wir wollen in uns Leben spüren, das nicht nur uns persönlich zugerechnet werden darf, das eher als ein Geschenk der Gnade, als Schöpfung einer Passion gelten kann. Es ist beinahe ein religiöses Gefühl, das uns so dem historischen Hochfluge der Völker zutreibt. Ich hatte die Absicht, die Realistik, die reflektierende Vernunft bei der Erklärung unseres Willens zu geschichtlichen Taten zu Rate zu ziehen. Wie man aber sieht, hat auch da die historische Metaphysik uns ein Schnippchen geschlagen. Aus eigenem Triebe wandelte sich die Reflexion in eine Passion der unaustilgbaren Leidenschaft. Wie man sich auch unseren Leidensweg vorzustellen vermag, wir waren einmal an der Newa versammelt, aus allen Zonen und Schichten der Kultur waren wir historisch Gläubigen hierher zusammengeweht. Und in manchem von uns regte es sich: Es war schon einmal so gewesen, diese Stadt Peters hieß damals Babel und breitete auch ihre Fittige über tausend und abertausend Völkerschaften und Stämme aus, und auch dort, wie hier, waren wir Gefangene unseres Willens zur Geschichte, waren wir die Fanatiker des einzigen und allumfassenden Volkes unseres Gottes. Unsere eigene Lage zwang uns hier, wie überall in der Welt, aus Mangel an eigener Volks- und Staats-

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