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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1920-01-01
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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10 David Koigen: gegenüber, die mich von meinem Vorhaben abzubringen suchten. „Sie würden es kaum verstehen" — sagte ich zu ihnen. „Wir jüdischen Europäer, wenn es Ihnen besser gefällt, ostjüdischen Europäer, haben nach nichts ein so starkes Verlangen, als nach Geschichte, nach „Historie", nach Geschehnissen und Ereignissen der Völker, in deren Folge gemeinsame, unentrinnbare Schicksale geschmiedet werden. Uns ist wirklich ein Glaube an die Geschichte, an das „Historische", das kommen muß und kommen wird, eigen. Wir alle sind historisch Gläubige. Der geschichtliche Skeptizismus mit all seinen Argumenten gegen die Möglichkeit eines historischen Zusammenhanges, eines historischen Wachstums finden keinen Anklang in unserer Seele. Wir alle sind daher geborene Todfeinde der Reaktion, die stets aus Mangel an Willen zur Geschichte, zur allvölkischen Neugeburt entsteht. Und nun fühle ich es mit meinem eigenen historischen Instinkt, daß die große Weltenjagd dort, an der Newa anheben und sich auch abspielen wird. So muß auch ich, wenn auch kein Fachpolitiker, durchaus kein „Weltverbesserer**, dorthin, vermag mich kaum dem kommenden Götterspiel zu entziehen". . . Später, als die „Geschichte" im Anzüge war und unverzüglich mit all ihrer Wut sich auf uns jüdische Europäer stürzte, alles nur erdenkliche Elend auf uns streuend, hatte ich oft Gelegenheit, über die uns angeborene historische Metaphysik nachzudenken. Man wurde stutzig und sagte sich mit Wallenstein, dem historischen Tatenmenschen von Gottes Gnaden: Nicht ich war es, der all diese Not und Mühe auf sich und andere lud, nicht ich war es, den es nach Historie verlangte; ein anderer, ein Gespenst, eine Idee war es, die all dieses tat und gebot. Und dann verließ man den trunkenen Boden des Metaphysischen und geriet ins Bereich der nüchternen Realistik. Der starke historische Instinkt wurde analysiert, zerstückelt und war beinahe daran, in Brüche zu gehen. Die reflektierende Vernunft begann ihr unerträgliches Lied vor sich zu summen. Ein jeder unter uns, als Jude, sobald er nur der heimatlichen Scholle entwachsen ist, muß es gleich, auf eigene Faust und dies in höherem Maße als irgend ein anderer Europäer in ähnlicher Lage, mit der eigenen Geschichte anfangen. Alles muß er sich selbst erwerben, und in Rußland selbst die Sprache, die ihm zur „Muttersprache" werden soll. Für ihn sind kein Volk, kein Staat und selbst kein Stammesbewußtsein tätig. Ich habe den sog. Intelligenten, den Schaffenden unter den Juden im Auge. Wir sehen es noch jetzt, wir erleben es in eigener Person. So hat die so arg mißverstandene russische Revolution ganze Massen russischer Intelligenz, darunter natürlich auch Juden ins Ausland hinausgestürzt. Die russischen Ingenieure, Ärzte, Universitätsprofessoren und Lehrer fanden Unterkunft in den slavischen Ländern. In Belgrad allein erhielten fünfzig russische Professoren und dreißig jüngere Gelehrte eine ihnen angemessene Beschäftigung. Aus tausendfachen politischen Gründen und rassenhaften Hintergründen wurde für sie gesorgt; und auch hier, im Exil, fährt der Professor fort

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