Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kongressnotizen zur zionistischen Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101177-3106360--4742-3106393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 Martin Buber: Kongreßnotizen zur zionistischen Politik Volk" oft zu allererst merkt, nur eben ohne es sich wahrhaft bewußt machen zu können). Zumeist handelt es sich dabei nur um einzelne innen- oder außenpolitische Fragen: um Einzelheiten der Verfassung, um die Stellung zu einem Nachbarstaat u. dgl. Aber es gibt außerordentliche Stunden, Krisenstunden, in denen die politische Tendenz ein ganzes großes Gebiet der staatlichen Funktionen umfasst und dann leicht auf andere Gebiete,' ja auf das gesamte Leben des Gemeinwesens übergreift, durch die Wandlung seiner Methoden seinen Charakter selber umwandelnd. In einer solchen befindet sich England, der wandlungsfähigste, elastischste, sich am genauesten zur rechten Zeit umstellende, daher trotz allem widerstandsfähigste der gegenwärtigen Staaten. Daß unsere Vertreter für diese Realität nicht bloß blind waren, sondern noch immer kurzsichtig sind, das ist was mich am meisten verwundert. Sie sind es noch immer; wenn sie schon nicht mehr umhin können zu bemerken, daß etwas geschieht, erkennen sie seine Tragweite nicht. Als ich in einer Tagung der politischen Kommission des" Kongresses den zuständigsten Mann auf die angehobene Wandlung der britischen imperalistischen Methoden als auf die tiefe Ursache mancher Unstimmigkeiten hinwies, erwiderte er mir, er habe von ihr weder bei den offiziellen Persönlichkeiten, noch in der öffentlichen Meinung Erhebliches wahrgenommen. Solch ein Nichtwahrnehmen ist ja öfter in der Geschichte passiert; aber es hat nie gut getan. Die angehobene Wandlung der britischen imperialistischen Methoden ist nach dem bolschewistischen Umsturz das zweite der großen innerpolitisch beginnenden und sich außenpolitisch auswirkenden weltgeschichtlichen Ereignisse unserer Zeit. Sie entstammt der Notwendigkeit, einem Zerfall des Imperiums vorzubeugen; und sie besteht im wesentlichen darin, gerade durch die Lockerung des Zusammenhangs seiner Glieder, d. h. durch eine zentral betriebene Dezentralisation seinen Bestand zu festigen. Sie hat zuerst, wie jede neue politische Tendenz als „Ideologie" verschrieen, in dem Kreis der Round Table Wurzel geschlagen, sie hat mit der indischen Verfassungsreform von 1919 ihren groß-realpolitischen Charakter erwiesen, sie hat die Konferenz der Dominions getragen, sie bestimmt heute die Verhandlungen mit Irland, deren Prophezeiung der Zeitungsleser von 1920 als Wahnsinn erklärt hätte. Sie betrifft unmittelbar das Verhältnis der Reichsteile zueinander und zum Reich, sie muß in fortschreitendem Maße dessen Verhältnis zu den Ländern beeinflussen, die ohne Reichsteile zu sein der britischen Macht-. Sphäre zugehören, sie muß in fortschreitendem Maße sein Verhältnis zu den Völkern beeinflussen, die es in diese Machtsphäre in irgend einer Weise einzubeziehen oder ihr zu nähern strebt. Sie muß für die weltpolitische Gestaltung der „Araberfragea immer bestimmender werden. Sie ist für die weltpolitische Fundierung der zionistischen Sache schon heute wichtiger als die psychologische Differenz zweier Minister oder der schlecht funktionierende Verständigungsapparat zwischen Downing-Street und dem Oelberg.