Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kongressnotizen zur zionistischen Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Kongreßnotizen zur zionistischen Politik 7 Sie hat endlich es unterlassen, geeignete Verhandlungen der angegedeuteten Art mit dieser Bevölkerung anzuknüpfen; die Pourparlers mit Feisal mit ihren mehr als fragwürdigen Ergebnissen vermag ich als solche Verhandlungen nicht anzusehen. 4- Alle diese Versäumnisse gehen im Grunde auf eine zurück: die, in den entscheidenden Momenten sich für eine anders eingestellte Zukunft zu rüsten, die im Untergrund des Moments geahnt werden muß. Das aber liegt daran, daß auch für unsere politischen Vertreter gilt, was ich an den Kongressteilnehmern bemerkt habe: daß sie nur die diplomatischen Begebenheiten, nicht die politischen Tendenzen wahrnehmen, daß sie nur einen aktualistischen Blick, keinen Geschichtsblick haben. Ich bin weit davon entfernt, die diplomatische Leistung unserer Vertreter gering einzuschätzen; ich finde sie in ihrer Art erstaunlich. Aber die Art ist von einer bedauerlichen Enge. Der Staatsmann beginnt — nicht etwa, „wo der Diplomat aufhört", wohl aber wo er aufhört dem Diktat des Augenblicks nachzusprechen. Der Staatsmann ist der Mann, der der aktuellen Zweckmäßigkeit dient — und sie unbedenklich der überaktuellen opfert. Dazu gehört freilich: daß er die überaktuelle erkennt; daß er der Faszination des Augenblicks nicht erliegt; und daß er sich getraut, nötigenfalls das Unpopuläre zu tun. Ich habe in den letzten sieben, zumal in den letzten drei Jähren nicht den Eindruck gewonnen, daß es in unserer Zeit zahlreiche Staatsmänner gebe. In der zionistischen Bewegung sind sie nicht dichter als anderswo gesät. Unsere politischen Vertreter haben den unstaatsmännischen Irrtum begangen, die Partner ihrer erfolgreichen Unterredungen für die politische Realität zu halten. Das gibt sich z. B. in der bei uns schon eingebürgerten Gewohnheit kund, den kritischen Betrachter der Situation zu fragen, ob er denn an der ehrlichen guten Meinung, an dem ehrlichen guten Willen dieses oder jenes Ministers zweifle. Ich bin durchaus bereit daran zu glauben. Aber ich weiß auch, daß es politische Tendenzen gibt, die stärker sind und die manchen Minister zwingen, nicht etwa seinen ehrlichen guten Willen aufzugeben, wohl aber ihn in den Zustand eines resignierten Ueberwundenwerdens übergehen zu lassen. Man kann die politische Tendenz freilich aus der öffentlichen Meinung nicht besser erschließen, als aus den Aeußerungen öffentlicher Personen. Die sogenannte „öffentliche Meinung", d. h. das redende Volk kommt oft als letztes dahinter, wiewohl das stumme Volk es oft zu allererst ahnt. Politische Tendenz ist ja nichts anderes als die sich unöffentlich vollziehende Aenderung in den zur Erhaltung, Stärkung, Ausdehnung des Staatswesens erforderlichen 'Methoden; sie muß sich bei Gefahr der Schmälerung, Schwächung, ja des Untergangs des Staatswesens immer dann vollziehen, wenn die alten Methoden sich als nicht mehr zuverlässig zu erweisen beginnen (was „das stumme