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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 5

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Kongressnotizen zur zionistischen Politik
Date
1920-01-01
Page
5 (sequence 5)
Language
German
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Kongreßnotizen zur zionistischen Politik 5 - : - England hatte und hat Interesse an Palästina als. an einer großen weltwirtschaftlichen Zukunftsposition*). Daß diese Position vielleicht eines Jahrhunderts zu ihrem Ausbau bedarf, bedeutet für eine so großzügige Wirtschaftspolitik keinen Einwand; zumal wenn man bedenkt, daß die Chance, das Land zu bekommen, vermutlich in Jahrhunderten nicht wiedergekehrt wäre. Die Chance es zu bekommen? Also hatte Herzl doch Unrecht? Nein: er hatte richtig gesehen: England konnte Palästina für sich ebensowenig bekommen wie irgend eine andere Macht. JEs brauchte ein legitimes Rechtssubjekt, das Palästina, Palästinas „Mandat" für England verlangte. Dieses Rechtssubjekt bot sich dar. Es bot sich zugleich an, die Position auszubauen, wozu es infolge seiner Fähigkeiten, mehr noch infolge seines Zusammenhangs mit diesem Boden und der sich daraus ergebenden Arbeitsvitalität unvergleichlich geeignet schien. Zweifellos war eine neue, schicksalhaft neue Situation gegeben. Wir waren ein „Machtfaktor" geworden, denn wir hatten etwas zu bieten; man brauchte uns. Aber die Gebote der Situation ergaben sich aus der alten politischen Einsicht — die deutlichsten in dem synthetischen Programm der demokratischen Fraktion (zu deren Führern ja der gehört hatte, dem nun oblag die Verhandlungen zu führen) ausgesprochen war daß, wie schon dieChoweweZion empfanden, Rechte aus Realitäten kommen und nicht Realitäten aus Rechten. Die Gebote der Situation lauteten etwa: Zum ersten: Wir dürfen nicht unsere historisch bestimmte überparteiliche Einstellung um einer augenblicklichen Konjunktur willen aufgeben, wir dürfen die Anmeldung unseres Anspruchs nicht mit der eines fremden verquicken; das heißt: wir dürfen uns mit einem Mandat Englands einverstanden erklären, aber wir dürfen dieses Mandat nicht solchermaßen verlangen, daß wir uns damit als unbedingten Parteigänger Englands deklarierten und hinfort als solcher angesehen würden. Zum zweiten: Wenn wir demnach nicht das äußerste zu bieten haben, so haben wir andererseits auch nicht das äußerste zu fordern. Rechte, die . wir nicht unmittelbar zu realisieren vermöchten, könnten uns nur Schaden zufügen, da unsere Ohnmacht sie zu realisieren uns unseres Charakters als politischer Machtfaktor entkleiden und uns vor allem wirtschaftspolitisch — hinsichtlich unserer Fähigkeit, die weltwirtschaftliche Position Palästina auszubauen — diskreditieren müßte. Wir haben zu fordern, was wir benötigen, um arbeiten zu können, nicht mehr und nicht weniger. Zum dritten: England braucht (wenn ich im Präsens spreche, meine ich selbstverständlich den damaligen Moment) von uns dreierlei: die allgemeinen Sympathien, insbesondere der amerikanischen Judenheit (nicht den unbestimmten good-will, sondern die spezifischen Kriegssympathien, die in diesem Moment nicht unterschätzt werden durften); das vorerwähnte Auf- *) Ich werde auf diesen Punkt und auf andere, die ich hier nur andeutungsweise behandeln kann, in einer Fortführung dieser Notizen ausführlicher eingehen.

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