Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kongressnotizen zur zionistischen Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kongreßnotizen zur zionistischen Politik 3 Das war Herzls Grundirrtum, in der Atmosphäre der französischen Demokratie erwachsen, in der Rechte, droits, scheinbar über Nacht, unversehens proklamiert werden; scheinbar, denn verkündet wird nur, was in der Macht des Volkes schon Realität geworden ist. Diesem Irrtum stellten wir Jungen, als wir die demokratische Fraktion gründeten, die Einsicht gegenüber: „Die Politik ist, wie das Recht, der Ausdruck der realen Machtverhältnisse. Die Diplomatie ist die Kunst der Machtverwertung. Unsere Bewegung ist bestenfalls Machtmöglichkeit." (Buber, Zionistische Politik, 1903). Wir forderten daher eine „große, wohlorganisierte und produktionsfähige" Siedlung als realen Machtfaktor; „um sie zu schaffen, sind freilich auch Verhandlungen nötig, aber nur eine ungehinderte Kolonisationsarbeit betreffend." Aber wenn Herzl mit diesem Irrtum hinter die Chowewe Zion zurückging, so tat er einen großen Schritt über sie hinaus, indem er Palästina nicht bloß wie sie als das Gebiet unserer nationalen Kolonisation betrachtete, sondern es — die Gedanken Erneste Laharannes und Moses Hess' ausbauend — in seiner weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Bedeutung erkannte. Herzls Grundauffassung, die er selbst niemals zureichend formuliert hat, läßt sich etwa folgendermaßen formulieren: Palästina ist eine große wirtschaftspolitische, verkehrspolitische, somit weltpolitische Zukunftsposition. Darum rivalisieren alle Mächte insgeheim um seinen Besitz. Es kann keiner zufallen, weil dieses Land mit seiner religiösen Vergangenheit und seinen religiösen Verknüpfungen nicht als „Interessensphäre" behandelt werden kann, der Anspruch somit einer „historischen" Beglaubigung bedarf, wie sie keine der Mächte aufzubringen vermag. Dieser Zustand einer allgemeinen Rivalität ohne möglichen Ausgleich hat zur Folge, daß das Land dem Türkischen Reich belassen wird. Dies kann aber nur solange dauern, bis der Ausbau der weltwirtschaftlichen Position Palästina, zu dem dieses Reich unfähig ist, nicht länger aufgeschoben oder aber der Zerfall dieses Reiches nicht länger aufgehalten werden kann. Was dann? Die Mächte werden sich darauf einigen müssen, Palästina dem einzigen Volke zu übergeben, daß erstens einen geschichtlich beglaubigten Anspruch darauf anzumelden vermag und zweitens befähigt ist, es im Einvernehmen mit den Mächten zur weltwirtschaftlichen Position auszubauen. Daraus ergab sich für Herzl die politische Aufgabe des Zionismus: den Anspruch des jüdischen Volkes auf Palästina anzumelden und der Rivalität der Mächte gegenüber in unbedingter Unparteilichkeit zu verharren. Daneben sollte mit dem Türkischen Reich über ein akzeptables Provisorium (Herzl dachte immer über die Türkei hinaus), den sogenannten Charter, verhandelt werden. Von diesen drei Punkten beruhten die zwei ersten auf politischer Erkenntnis, der dritte — es könne ohne die Basis einer vorhandenen starken Stellung über mehr verhandelt werden als über die zur Sicherung der kolo* 1*