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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 2

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Kongressnotizen zur zionistischen Politik
Date
1920-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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2 Martin Buber: Und doch täte gerade uns, wie keinem anderen Volke, die historische Perspektive not, die hinter dem Ballspiel des Vordergrunds das Ringen der wirklichen Mächte zeigt, die Geschichtsschau, die aus den Buchstaben, welche die Stunde in den Sand schreibt, die eherne Inschrift der Zukunft erschließen .läßt. Mehr als das irgend eines anderen Volkes sollte unser politisches Bewußtsein auf den Zusammenhang des Geschehens, auf seine bestimmende Tendenz und deren dauernde Wirkung gerichtet sein, die wir ja nicht wie eins der Staatsvölker nur auf die Durchsetzung der jeweiligen Interessen oder wie eins der staaterstrebenden und territorial geeinten Völker nur auf die einmalige Anerkennung unserer Selbständigkeit bedacht zu sein brauchen, die wir vielmehr ein Werk vieler Geschlechter begonnen haben und, wenn wir nur dem gegenwärtigen gegenüber Verantwortung üben, unsere Verantwortung verfehlten. Aber unsere Augen sind — noch immer! —; von dem diplomatischen Krimskrams gebannt, als bereite sich in diesen glatten Unverbindlichkeiten unser Schicksal. Unser Schicksal bereitet sich in eben dieser Gebanntheit unseres Blicks, wenn wir uns nicht endlich von ihr befreien. 2. Die ersten zionistischen Politiker waren die Chowewe Zion. Ihr mehr oder minder bewußtes Programm war: erst Siedlung, dann Rechte. Dieses Programm war auf einer politischen Wahrheit begründet: daß eine völkerrechtliche Sanktion stets nur ein Seiendes, nicht ein Werdendes betrifft; daß~ der Anerkennung seiner Wirklichkeit stets die Wirklichkeit selbst vorangehen muß; mit anderen Worten: daß Diplomatie nicht Tatsachen schafft, sondern Tatsachen — veröffentlicht, ihnen zur öffentlichen Geltung verhilft. Dieses Programm hatte keinen prinzipiellen Fehler; aber einen praktischen. Nämlich: wenn erst Siedlung, so muß man doch die Siedlung erst machen können. Alles Recht mag später kommen, nur nicht das Recht auf die Siedlungsarbeit selbst. Alle Sicherung darf dem Werke folgen, nur nicht die Sicherung des Werkes selber. Es gibt ein lebensnotwendiges Minimum der Arbeitsbedingungen, das als Voraussetzung einer gesunden Arbeit gefordert, erkämpft werden muß. Auf welcher Basis? Ein leistungsfähiger Handwerker kann, ehe er ans Werk geht, nicht die Bezahlung dafür, wohl aber einen Werkzeugkredit beanspruchen. Unsere Leistungsfähigkeit: wir, gerade wir, nur wir können aus diesem Land Palästina ein Land machen. Unser Werkzeugkredit; die Arbeitsbedingungen, die unumgänglich nötig sind, damit wir's machen können. Und der Kreditgeber? In erster Linie der staatsrechtliche Besitzer des Landes; in zweiter die vereinigten Subjekte der Weltpolitik. Hier setzte der Nachfolger und Gegner der Chowewe Zion ein: Herzl. Er kehrte das Programm um: erst Rechte, dann Siedlung. „Wir Juden aber haben, wie die Dinge jetzt stehen, kein Interesse, auch nur einen einzigen Kolonisten hinzuschicken."

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