Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kongressnotizen zur zionistischen Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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MARTIN BUBER / KONGRESSNOTIZEN ZUR ZIONISTISCHEN POLITIK as diesen Zionistenkongreß, den zwölften, vor den früheren auszeichnet, <YV ist das gereifte Verständnis seiner Teilnehmer für die wirtschaftlichen-, technischen, finanziellen Realitäten unserer kolonisatorischen Arbeit. Die;> Debatten über diese sind konkreter geworden. Wie die anderen Völker sind?auch wir durch die Begebenheiten dieser sieben Jahre vom Fernblick, der einen weiten aber -verschwimmenden Horizont umfaßt, zum Nahblick er- Jzogen worden, dem die Dinge scharf umrissen und klar gegliedert erscheinen. .Nur daß uns (wie ja so manchem anderen Volk) die Fähigkeit noch abgeht, die sichtbar gewordenen Tatsächlichkeiten in ihrem Zusammenhang zu erfassen, die heimlichen verbindenden Linien zu entdecken, den Sinn des Wirklichen zu "erkennen. Bei sehr wenigen Kongreßteilnehmern habe ich das Vorhandensein wirtschaftspolitischer Ideen festgestellt. Die meisten suchen das faktische Material, das-sie sehen gelernt haben, statt durch die rechtmäßige'■. Einheit der Idee durch die verkehrte und verderbliche der Illusion zu bewältigen. Aber unvergleichlich stärker und folgenschwerer als auf dem Gebiet der Wirtschaft macht sich die fehlerhafte Einstellung auf dem der Politik ^geltend. : ■ : Wir sind, wie man zu sagen pflegt, in die „Weltpolitik" eingetreten. Also haben wir begonnen, uns mit den Fakten dieser Politik abzugeben. Wir träumen nicht mehr, wir betrachten. Aber wir betrachten, wie eben der heutige „politische" Mensch es versteht, mit den Augen des Zeitungslesers, der sich aus den Scheinnachrichten der Telegramme und den Scheinauffassungen der Leitartikel seinen kleinen politischen Tagesrausch zusammenbraut. Wir plätschern in den seichten Gewässern der persönlichen Aeußerurigen und ahnen nichts von der tiefen Strömung der überpersönlichen politischen " Tendenzen, die der Meinung und dem Willen der Personen so übermächtig werden können, daß ihnen nur die Wahl bleibt, sich zu beugen oder hinweggespült zu werden. Wir haben für das weltpolitische Geschehen, das uns angeht (und welches ginge uns heute nicht an?) nur einen aktualistischen -Blick, keinen Geschichtsblick. Heft 1 i