Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das jüdische und das arabische Selbstbestimmungsrecht
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 734 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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734 Umschaü: Politik u zu Bar Kochba durchaus kein „Land friedlichen Aufbaues" und ist immerhin doch etwas gewesen. Da» güiisc Problem läuft also hauptsächlich zunächst auf die praktische Frage hinaus, ob Großbritannien die heute im Lande befindliche Truhpenmacht dort belassen oder zurückziehen wird. Ob es dies aus finanziellen oder andern Gründen tut, mag für uns gleichgültig sein. Man geht aber in der Annahme nicht fehl, daß es der nationalmilitaristischen Denkungsweise Jabotinskys wohl entspricht, eine jüdische Wehrmacht auch ohne Rücksicht auf die englischen Pläne als Optimum der jüdischen Politik zu verlangen. Wäre Jabotinsky nicht der Schöpfer der jüdischen Legionen im Kriege, hätte er somit nicht schon Zeugnis für seine militaristische Anschauung abgelegt, dann wäre seine Beurteilung der genannten tatsächlichen Vorfrage kaum einem Mißtrauen ausgesetzt. So aber drängt sich dieses geradezu auf und man kann nicht den Verdacht unterdrücken, daß er aus seiner militaristischen Einstellung heraus in seinem Urteil und vielleicht auch in seinen Wünschen eine Entwicklung antizipiert, die an sich noch ganz ungewiß isi. Es besteht somit die große Gefahr, daß durch diese Agitation die Entwicklung der englischen Politik in Jabotinskys Sinne beeinflußt wird und eine künftige Entblößung Palästinas von englischen Truppen nicht Resultat der innerenglischen Parteikämpfe, sondern zionistischer, den Engländern nur als ihre eigenen suggerierter Anschauungen wird. Es ist daher notwendig, liie Frage an sich und ohne Rücksicht auf die politische Sachlage zu betrachten. Dann lautet sie: ist eine jüdische Besatzung in Palästina heute schon einer englischen vorzuziehen? Erst dann kann auch die praktische Frage beantwortet werden, was das jüdische Volk zu unternehmen habe, wenn die britischen Soldaten Palästina verlassen. Die alten Streitfragen des Militarismus und Pazifismus können hier nicht in ihrer Allgemeinheit erörtert werden. Sie sind ohnedies unlösbar. Da auch der Pazifismus die Richtigkeit des Satzes nicht bestreitet: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt", und da es eine Sicherheit für das Nichtvorhandensein nachbarlicher Bosheit nicht gibt, ist mit der Möglichkeit eines Krieges stets zu rechnen. Das Probfem reduziert sich daher darauf, ob ein Krieg als Angriffs- oder Verteidigungskrieg geführt wird. Wer aber kann das in seinen tieferen Gründen zu entscheiden sich vermessen? Kriege, die oft formell Angriffskriege sind, werden eigentlich, blickt man tiefer, zur Verteidigung geführt, anders oder noch tiefer gesehen, sind sie wieder Angriffskriege und so endlos weiter. „Wie man in der Strategie", sagt Thomas Mann in '' seiner Studie „Friedrich und die große Koalition"*) „von einer offensiven Defensive spricht, so hat dergleichen, wie es immer wieder scheint, auch auf diplomatischem Felde sein Vorkommen, und wenn der beschwichtigende Name nicht wäre, so würde es zuweilen den größten Schwierigkeiten begegnen,' ein Defensivbündnis von seinem odiösen Gegenteil zu unterscheiden. In der Politik wie im Leben überhaupt bedeutet in der Tat der Name meist nur eine Beschwichtigung und trifft seine Sache höchst oberflächlich. Ein Angriff kann ja aus Not geschehen und ist dann also kein Angriff mehr, sondern eine Verteidigung. Und wenn der Angriff dem gegen ihn defensiverweise Verbündeten Vorteile verheißt, so ist es so gut wie unmöglich, die psychologische Grenze zu ziehen, wo der casus foederis sich aus einer Gefahr, der vorzubeugen man einig sein wollte, in eine Wünschbarkeit verwandelt. Er wird zu einer Frage der Sensitivität — es bleibt der Empfindlichkeit der Allierten überlassen, wann einer von ihnen sich angegriffen fühlen will und wird — und um den Bündnisfall herbeizuführen, ist dann nur noch nötig, den Gegner auf eine oder die andere Weise zum Angriff zu nötigen, ihm die Rolle des formellen Angreifers aufzuzwingen, was kaum jemals sehr schwer und unter Umständen sehr leicht ist." Das Problem des Defensiv- oder Offensivkrieges oder des Militarismus und der Friedensliebe läßt sich anders formulieren durch die strafrechtlichen Begriffe der Repression und der Praevention. Beide sind nach den modernen Strafrechtstheorien Zwecke der Strafe, die auch den Versuch, nicht nur die vollendete Handlung, trifft. Wo hört da wie dort Offensive und Praevention, Defensive und Repression auf und schlägt ins Gegenteil um? Wo endet der Militarismus und beginnt der Pazifismus und umgekehrt? Fragen, für die es keine Lösung gibt! Praktisch gilt ja doch das Wort Friedrich des Großen: „Arme Sterbliche, die wir sind! Die Welt beurteilt unser Handeln nicht nach unsern Gründen, sondern nach dem Erfolg. Was bleibt nun also zu tun? Wir müssen Erfolg haben!" Thomas Mann nennt den siebenjährigen Krieg Preußens gegen Oesterreich und seine Verbündeten „in seinen allerletzten Gründen einen Angriffskrieg: denn die junge, die aufsteigende Macht ist psychologisch genommen immer im Angriff, und die anderen, die bestehenden Mächte sind es, die sich gegen sie zu verteidigen haben." Dies gilt auch für uns, wie für jedes Volk, das seine nationale Renaissance erlebt. Unsere Einwanderung nach Palästina ist ein Angriff auf die dort siedelnden Araber und *) S. Fischer Verlag, Berlin 1915