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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 733

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Das jüdische und das arabische Selbstbestimmungsrecht
Date
1920-01-01
Page
733 (sequence 2)
Language
German
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Umschaue Politik 733 machen versucht, besagen garnichts, außer einen Mangelan sachlichen Gegengründen. Es hätte daher dem Mut, der Konsequenz und Gerad&eit, mit der Jabotinsky gerade in Deutschland, gegen das und gegen dessen Bundesgenossen er ja im Kriege die Legionen aufgestellt hatte, seine Agitation für ihre Wiedererrichtung aufnahm, mehr entsprochen, wenn er sich unverhüllt zu jener Weltanschauung bekannt hätte, die von Sparta bis zu Friedrich dem Großen und noch weiter als schwerste Opfer heischende Idee vertreten wurde. Man weiß, daß diese pessimistische Weltanschauung bisher fast immer recht behalten hat und daß auch Jabotinskys Politik im Kriege recht behielt. Wie bedingt und wenig endgültig andererseits diese Anschauungsweise ist, dies hat gerade der Ausgang des letzten Krieges erwiesen und wird dann auch für den Zionismus darzustellen sein. Doch muß man zugeben, daß die heutige Argumentation Jabotinskys so durchdacht und in sich geschlossen ist, daß man sich Über die tiefe Wirkung seines Auftretens auch bei politisch klar und kühl denkenden. Köpfen nicht zu wundern braucht und sie mit ein paar billigen pazifistischen Gemeinplätzen keineswegs erledigt ist. Fast in allen anderen politischen Situationen würden die Schlußfolgerungen Jabotinkys zutreffen. Wenn dem in dem besonderen Falle des jüdischen Volkes und Palästinas nicht so ist, hängt dies eben mit der außergewöhnlichen und einmaligen Situation der Juden zusammen. (Soll man nicht an Fügungen des Schicksals glauben, wenn unser Volk, das heute wie einst „sein will wie andere Völker," in eine historische Situation gezwungen wird, die anders ist, und es anders macht als alle anderen Völker?) Jabotinskys Argumentation ist ungefähr die folgende: der Sparsamkeits-Feldzug, der zur Zeit in England geführt wird und bereits die Rückberufung der englischen Truppen aus Mesopotamien veranlaßt hat, wird auch dahin führen, daß England, wie dies schon verschiedenen Pressestimmen zu entnehmen ist, sich bald weigern wird, die hohen Lasten für den Unterhalt der englischen Truppen in Palästina zu tragen. Ueberdies würde es England niemals zulassen, daß bei einem kriegerischen Zusammenstoß, der bei der heutigen unsicheren Lage im nahen Osten in geringerem oder größerem Ausmaße durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, für das politische Ziel des jüdischen Volkes nicht jüdisches, sondern englisches Blut fließe. Es gibt demnach nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird das einheimische Heer, das in jedem Falle aufzustellen ist, aus der gesamten Bevölkerung rekrutiert, ist also überwiegend arabisch. Was dies praktisch bedeutet, weiß jeder, der Heft 12 die Dinge sieht, wie sie sind und nicht, , wie sie ein abstrakter Theoretiker sich ausheckt. Oder (dies ist die andere Möglichkeit) es wird ein rein jüdisches Heer aufgestellt. Prinzipienfeste Pazifisten werden nun natürlich die Notwendigkeit jeder militärischen Macht überhaupt bestreiten.*) Pazifistische Verständigungs versuche, pazifistische Literatur, die unter den Arabern verbreitet wird, Aerzte, die man ihnen schickt, Krankenhäuser und Schulen, die man ihnen baut, und alle sonstigen Vorteile, die ihnen die jüdische Besiedlung Palästinas bietet — besonders die drohende Majorisierung durch die Juden l — würden die Sache schon machen. Dagegen läßt sich nun freilich nicht polemisieren. Man könnte nur von diesen Herren verlangen, daß sie nicht nur die Aufgabe der Schomrim auf ihre Weise zu lösen, sondern den nächsten arabischen Aufstand, den nächsten Angriff auf Galiläa nach ihren Methoden abzuwehren versuchen mögen, statt den andersdenkenden palästinensischen Juden von friedlichen europäischen Ländern her Belehrungen zu erteilen, die als ebenso billiges wie leeres Geschwätz zu qualifizieren sind. Es bleibt somit nur die einzige tatsächliche Vorfrage noch au beantworten, ob die englischen Truppen wirklich aus Palästina zurückgezogen werden. Trifft diese Voraussetzung zu, dann wird für Palästina auch kein vernünftiger Pazifist die Erforderlichkeit der von Jabotinsky geforderten Schaffung einer jüdischen Legion leugnen, es sei denn wir wollten Palästina überhaupt aufgeben. Es wäre naiv, anzunehmen, daß nur das jüdische Volk und* noch dazu gerade in dem wenig pazifizierten Orient alle Vorteile staatlicher Selbständigkeit besitzen könne, ohne auch ihre Lasten zu tragen. Das Bekenntnis, das unlängst in einem Artikel in der „Jüdischen Rundschau" zu lesen war: „Wir gehen nicht hinüber, um Kanonen abzufeuern; das Recht, im Kriege Menschen totzuschießen, ist uns schon in Europa nicht verkümmert worden. Palästina ist das Land friedlichen Aufbaus nach Jahrhunderten fremden Zwanges — oder es ist nichts," ist sicher sehr ehrenwert und gut gemeint, aber nicht mehr. Leider war nur Palästina seit den Zeiten der Erzväter bis zu Esra und Nehemia und noch weiter bis- *) Ein Beispiel dafür ist die Glosse „Legionen" von Hans Kohn in Heft 1 der „Freien Zionistischen Blätter". Was soll man zu Sätzen wie den folgenden sagen; „Jede Legion ist Militär, und Militär bedeutet immer Gewalt, Unterdrückung, Herrschaft. Jede. Legion gebiert Militarismus. Es kann nicht anders sein und es ist nie anders gewesen." Nie! Auch in Amerika während des Weltkrieges und in allen früheren nationalen Befreiungskriegen nicht! 48

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