Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 730

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Von den russisch-jüdischen Beziehungen
Date
1920-01-01
Page
730 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106270--4699-3106334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen 730 Welterneuerung nicht durch eine neue Schönheit, oder ein neues Recht, oder neue Zivilisationseroberungen, sondern durch Gottesgedanken herbeizuführen. Daß die russische Intelligenz diese geistig-religiöse Eigenart des Volkes nicht als den wesentlichsten Teil in seine Weltanschauung aufgenommen hat, sondern gegen das Kleingeld des Westens umgetauscht hat, bedeutet ihre größte historische Sünde. Diese russische Religiosität ist von einem Schutt des Aberglaubens, der Vorurteile, der Brutalität bedeckt, ist vom Staat und von der Kirche unglaublich mißdeutet und mißbraucht worden; sie existiert aber unzweifelhaft und in solchem Falle kann sich der Weg zu einer Versöhnung, mehr noch, zu einer gemeinsamen Arbeit der Juden und der Russen finden. Es soll hier keine ins Einzelne gehende Analogie zwischen den Ost-europäischen Slaven und den in ihrer Mitte versprengten Juden hergestellt werden; die beiden Völker sind aber von weit- und tiefgehendem. Streben nach absoluten Ewigkeitswerten beherrscht und deshalb untereinander vereint und vom übrigen Europa durch eine kaum Überbrückbare Kluft getrennt. Es ist unrichtig, daß der Antisemitismus eine hereditäre und unheilbare Krankheit ist; daß die Juden, nur deshalb, weil das Wort Mission so geistlos mißbraucht wurde, wirklich keine haben; daß wir, vom Haß umringt und von Verachtung erfüllt, in ewiger Abgeschlossenheit verharren müssen; daß unsere Schöpfung mit uns beginnen und in uns abschließen soll. Richtig ist vielmehr, daß wir den Weg zur Welt suchen müssen, nur soll dieser Weg unser eigener sein, nicht der Weg der Juden, sondern der jüdische Weg, — das ist allerdings eine Bedingung, die Bedingung des wieder schöpferisch werden in der Welt und mit der Welt. Solche, jüdische, Mitarbeiterschaft mit den Völkern ist nur dort möglich, wo der Gottesgedanke noch nicht erloschen ist und in dem Maße als er noch lebendig ist. Die heutige Russen-Juden- Feindschaft ist vielleicht letzten Endes gerade damit zu erklären, daß, einander nicht erkennend-), ein Volk in dem anderen das *) Es gab ab und zu doch in Rußland Mftnner, die trotz der ungeheuren Schwierig- Symbol und den wahren Vertreter des areligiösen oder sogar antireligiösen Lebenselementes, den Edom und den Antichrist, zu sehen glaubte. Es ist klar, daß es ungeheuer schwer ist bei solcher Sachlage einen wahren Kontakt zwischen beiden Völkern herzustellen, wo nur von wirklichem Austausch und vielleicht auch von Beeinflussung die Rede sein könnte, und den Weg vom Volke zum Volke zu finden, der heute und vielleicht noch für lange Zeit von tausenden Hindernissen, von angewöhnten Voreingenommenheiten, von so reichlich geflossenem jüdischem Blute, von Haß und tief verwurzeltem Mißtrauen, von verschiedenen Formen des religiösen Empfindens und von verschiedenen Lebenssitten versperrt ist. Trotzdem kann und muß dieser Weg gesucht keiten das Wesen der Juden erkannt haben. Es seien hier einige Aeußerungen von zweien von. ihnen aufgeführt. Dostojewsky, der in seinem Urteil über die Juden immer unter dem doppelten Eindruck der jüdischen Masse, die er flüchtig kannte, und des halbrussifizierten Juden, der für ihn "den Materialismus und den Nationalismus verkörperte, stand, schrieb nichtsdestoweniger: „Man kann sich nicht den Juden ohne Gott vorstellen". „Ich glaube sogar nicht, daß es gebildete Juden gibt, die Atheisten waren". In Bezug auf Palästina schrieb er noch im Jahre 1877: „Alles das (d. h. der Rückkehrsgedanke der Juden in Palästina), ich wiederhole es, habe ich als eine Legende gehört, ich bin aber überzeugt, daß die Sache existiert, unbedingt existieren muß, besonders in jüdischen Massen, als ein instinktiver und unaufhaltsamer Drang". Wladimir Solowjeff, der bedeutendste russische Philosoph, der sein ganzes Leben lang für die Rechte und die Ehre der Juden kämpfte, der, nachdem er die hebräische Sprache erlernte, hebräisch die Gebete vorlas und noch am Sterbelager für „das Volk, das Gott gebar", für „das Gottesvolk" betete, schrieb, daß Israel berufen sei, „ein aktiver Vermittler für Vermenschlichung des materiellen Lebens und der Natur, für Schaffung einer neuen Erde, in welcher die Wahrheit lebt", zu sein. An seinen hebräischen Lehrer, F. Gez, der ihm seine Besorgnis wegen des wachsenden Antisemitismus mitteilte, schrieb er: „Ihr Mitleid mit Ihren Glaubensgenossen teile ich vollkommen, bin aber vollständig überzeugt, daß Sie mit diesem Gefühl keine Besorgnis für die zukünftigen Geschicke Ihres Volkes verbinden. Sie kennen ja seine Geschichte. Ist es möglich, sich vorzustellen, sei es auch nur für einen Augenblick, daß nach all diesem Ruhm und nach allen diesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.