Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 729

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Von den russisch-jüdischen Beziehungen
Date
1920-01-01
Page
729 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106270--4698-3106333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bemerkungen: Von den-russisch-jüdischen Beziehungen unmittelbarerBekanntschaft mit dem russischen Volke oder von den wenigen Schriftstellern, die den Zusammenhang mit dem Volke noch nicht ganz verloren hatten. Von dem Intellektuellen erlernte man den revolutionären Eifer und die freiere Stellung dem Leben gegenüber, er konnte aber keinesfalls als Quelle des sittlichen Ernstes dienen. Wenn ich vorher erwähnt habe, daß die jüdischen Assimilanten keinen günstigen Einfluß in der russischen revolutionären Bewegung ausgeübt haben, so kann man andererseits behaupten, daß in ihren zerstörenden und zum Aufbau unfähigen Tendenzen sie nur fleißige Schüler der russischen Intellektuellen waren, die gleich den Juden vom eigenen Volke und von seiner Religiosität sich losgerissen hatten und somit ebenso bodenlos und religiösen Empfindens bar geworden waren. Das russische und jüdische Volk lebten also während mehrerer Jahrhunderte vollständig abgeschlossen von einander und hatten während des letzten Halbjahrhunderts als Vermittler beiderseits Elemente, die nicht imstande waren, den richtigen Kontakt zwischen beiden Völkern herzustellen. Das eine Volk beurteilte das andere nach diesen PseudoVertretern; dazu kamen noch die äußeren Momente (Entrechtung der Juden, sozialer und kultureller Gegensatz), die jede freie Aussprache unmöglich machten. So k;ommt es, daß beide Völker, die einander in Europa vielleicht am besten verstehen' könnten, wenn sie nur ihre eigene Sprache sprächen, als zwei feindliche Heere einander gegenüber stehen. Für uns kann ja gar kein Zweifel darüber bestehen, daß der russisch-jüdische Intellektuelle die jüdischen Volksmas.sen nicht repräsentiert. Ebenso besteht kein Zweifel daran, daß die mit dem westlichen Rationalismus aufgezogenen Scheinfiguren der russischen Geschichte nicht die wahre Vertretung des russischen Volkes sind; wer das bis heute nicht fühlte .und nicht wußte, für den mußten die drei letzten Jahre mit ihrem mannigfachen Kampf der. verirrten, vertierten, verblendeten Volksmassen des Landes gegen das halb- und vollgebildete Bürgertum der Städte eine genügende Belehrung ^ringen. Was ist aber dahinter? Könnten die Juden, mit ihrem konzentrierten Religionsdurst, eine gemeinsame, menschliche, brüderliche Sprache mit diesem „geheimnisvollen Unbekannten^, wie das russische Volk von Turgenjeff genannt wurde, finden? Verbirgt sich hinter der bestialischen Pogrommaske ein Mensch, der ebenso an einer Sehnsucht nach ewiger und absoluter Wahrheit krankt, wie wir, hinter der Maske des Händlers und Spekulanten? Wer Rußland zu kennen glaubt, wird seine eigene Antwort haben; wer es aber wirklich kennt, wird nicht in Zweifel ziehen können, daß es in Europa kaum noch ein anderes Volk gibt, daß so stark und leidenschaftlich (obwohl auf eigene Welse, so daß diese Leidenschaftlichkeit sich manchmal unter ergebener Demut verbirgt) religiös und gleichzeitig gemeinschaftlich orientiert ist, als gerade das russische; daß in keinem Lande die Kirche (auch die orthodoxe, verfälschte und durch den Staat in Schmutz gezogene Kirche) so sehr ein festes Eines mit dem Volke bildet als in Rußland; daß die sozialen Traditionen des russischen Bauern auf Gemeinschaftsgerechtigkeit sich aufbauen und aus Gemeinschaft heraus sich inspirieren; daß in keinem Lande Europas das Sektenwesen (unter anderem Sekten, die unter dem Einfluß des Judentums entstanden sind), so verbreitet ist, so tiefe Wurzeln hat und zu solchem Martyrium (und nicht nur zu individuellem, sondern zum Massenmartyrium) Anlaß gegeben hat, als in Rußland; und daß nirgends vielleicht, außer in unseren chassidischen Schulen, so innig, leidenschaftlich und brüderlich gebetet wird, wie in kleinen, armen, verschneiten Dorfkirchen Rußlands. Die russischen Schriftsteller, welche der sogenannten slavophilen Gruppe angehören, (und Dostojewsky war unter ihnen der genialste und der konsequenteste) haben direkt das russische Volk als „Gottesvolk", als „Volk-Träger des Gottes" proklamiert und im Namen des religiösen Gedankens den Krieg an den rationalistischen und materialistischen Westen erklärt. Der Auserwähltheitsgedanke, der in dieser „russischen Mission", an welcher Europa genesen soll, seinen Ausdruck findet, ist allerdings vielen jungen Völkern eigen; wesentlich aber ist, daß die Russen sich berufen fühlen, eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.