Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Von den russisch-jüdischen Beziehungen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 728 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106270--4697-3106332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
728 Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen 3* Somit ist in den letzten Jahrzehnten zwischen dem jüdischen und dem russischen Volke ein Vermittler entstanden, der in keiner Weise zu dieser Rolle berufen war, der nichts von spezifisch-jüdischem, von völkischjüdischem zu übermitteln imstande war. Nicht viel besser war es aber auch auf der andern Seite, die die Uebermittlung von russischen Werten an das jüdische Volk zu besorgen hätte, denn auch hier war der entsprechende Vermittler — die russische Intelligenz — dazu kaum geeignet. Im Laufe des XIX. Jahrhunderts ist im russischen Leben ein seltsamer Prozeß vor sich gegangen, der teilweise an unsere Assimilation erinnert, mit dem begreiflichen Unterschiede aber, daß er viel weniger tiefgehend, weniger gefährlich und weniger zersetzend als bei uns war. Es ist Brauch in Geschichtsbüchern das Werk von Peter dem Großen als eine großzügige Heldentat zu verherrlichen; es ist aber sehr zweifelhaft, ob dieses Werk wirklich der organischen und der gesunden Entwicklung und geschichtlichen Bedürfnissen des russischen Volkes entsprach oder ob nicht vielmehr die radikalen Reformen, mit brutaler Gewalt durchgeführt, eine Unterbrechung dieser organischen Entwicklung darstellten, die Rußland gerade jetzt mit schweren Leiden büßen muß. Denn was war im Grunde das Werk von Peter anderes als eine Zwangsassimilation des halborientalen Volkes an die ihm innerlich fremde Zivilisation von Westeuropa? Man könnte auch heute noch mit einem gewissen Rechte behaupten, daß diese Assimilation eigentlich mißlungen ist, da die breiten Schichten des Volkes ihr fremd geblieben sind und trotz Petersburg ihren eigenen Weg weiter gingen, während aber andrerseits die Peterschen Reformen für Rußland sicher eine verhängnisvolle Rolle gehabt haben und das ist die gegenseitige Entfremdung der russischen Intelligenz und des russischen Volkes, die Herstellung der gewaltigen Kluft zwischen dem Gebildeten im allgemeinen, nicht nur' dem Reichen, der sich geistig von Westeuropa nährt, und dem einfachen Bauern, der in seinem traditionellen Leben von fremden Einflüssen sich nicht irreführen läßt. Das ganze XIX. Jahrhundert ist im russischen kulturellen Leben von zwei Strömungen beherrscht: nach Westen; und zurück zum Volke. Die völkische Strömung, die teilweise aber nur für den oberflächlichen Blick mit Reaktion verbunden war, hat es nicht verstanden, obwohl sie in ihren Reihen Männer wie Dostojewsky zählte, sich den russischen Intellektuellen zu gewinnen und trotzdem blieb eigentHch auch sie selbst nur eine intellektuelle Bewegung, die auf eine unmittelbare Berührung mit dem Volke wenig Wert legte und sich in Wort- und Begriffsdiskussionen erschöpfte. Mit dem Anschwellen der revolutionären Strömung siegt, entgültig der Westen und auch die Bewegung „ins Volk!", mit welcher die Revolution in den 70er Jahren angefangen hat, war im Grunde trotz des Namens eher eine Methode der revolutionären Propaganda, die, als ihre diesbezügliche Unzulänglickeit sich herausgestellt hatte, verlassen wurde, denn eine wirkliche Rückkehr zu Volksquellen, ein tatsächliches Umlernen mit Hilfe des Volkes. Aus dieser Enwicklung heraus entstand einerseits ein . tiefer, wenn auch bis zuletzt verborgener Haß gegen den Gebildeten seitens des Bauern, ganz unabhängig von der sozialen Stellung und von den politischen Ideen dieses. Gebildeten, und andererseits ein Intellektuellentypus, der in vielen psychologischen Zügen, vor allem in seiner Traditionsverachtung, in seinem Individualismus (trotz der sozialistischen Phraseologie), aber auch in seiner moralischen Zerfahrenheit, in innerer Haltlosigkeit, an unseren Assimilationsjuden erinnert.. Dieser russische Intellektuelle, der auch bei dem Russen nichts anderes anzurichten vermochte als ihn seiner Heiligtümer zu berauben, ohne dabei imstande zu sein sie durch andere zu ersetzen, der die größte Revolution, welche die Welt je gesehen hat, solange unfruchtbar erhalten hat, bis sie in einer Art brutalen und hochmütigen „aufgeklärten Absolutismus" ihren provisorischen Abschluß gefunden hat, dieser Intellektuelle konnte auch kein geeigneter Vermittler der russischen Werte an die Juden Rußlands sein. Damit soll nicht behauptet werden, daß die russischen Juden nichts von Rußland bekamen und ihm [nichts verdanken; was man aber nahm, das kam vor allem aus