Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Von den russisch-jüdischen Beziehungen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 727 (sequence 6)
- Language
- German
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Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen 727 mit russischer Seele", der nicht nur selbst russisch denkt, sondern auch ein ausgezeichnetes Werkzeug für die Russifizierung der andern nationalen Minderheiten des russischen Reiches bilden könnte; wenn man ihm nur die Gleichberechtigung gewährt, wird er nicht nur ausgezeichneter Patriot, sondern ganz echter Russe, die beste Stütze des russischen Reiches, werden; es ist ganz selbstverständlich, daß sie ' die jüdische Renaissance-Bewegung als eine kleinliche, reaktionäre Bewegung, und wenn sie Marxisten sind, als kleinbürgerliche betrachten und das suchen sie auch dem russischen Volke beizubringen.'Dieses ihr Entnationalisierungsprogramm wäre aber an sich nicht imstande bei den Russen eine Abneigung gegen die Juden hervorzurufen oder zu verstärken, höchstens könnte es sie politisch in Verwirrung bringen. Schlimmer steht es aber mit psychologischen Zügen, die diese Gruppe auszeichnen. Da diese Menschen bei sich zu Hause Zerstörer sind, so müssen sie es auch in der Fremde sein; mit höchster Geringschätzung behandeln sie jede Tradition, jüdische und russische, speziell diejenigen von ihnen, die revolutionär gestimmt sind, ohne zu verstehen, daß eine wirkliche Revolution, eine reelle Umwälzung sich nur auf dem Boden der Tradition entwickeln kann und daß die Revolution vielleicht eben darin ihren Sinn hat, daß sie der Volkstradition die fremden Ketten der abgelebten Staats- und Wirtschaftsordnung abnimmt, damit sie sich frei entfalten kann; ohne Verständnis für die eigenen Heiligtümer stehen sie auch denjenigen der Russen höhnisch gegenüber, fühlen sich nichtsdestoweniger berufen, in das russische Leben mit aller Entschiedenheit einzugreifen und, ohne das richtige Gefühl der Seele und der Geschichte des russischen Volkes zu besitzen, ihm ihr eigenes Gesetz zu diktieren. Die besten von ihnen, wenn sie nicht überlegend-ironisch oder ästhetisch-skeptisch sind, bleiben problematisch, unecht, unorganisch; von ewigem Zweifel zerrissen, im jüdischen Lager verloren und unschöpferisch geworden, haben sie sich ebenso wenig im russischen gefunden und schöpferisch machen können. Das alles könnte man in wenigen Worten zusammenfassen: mit dem jüdischen Gott haben sie jeden Gott verloren. Es ist kaum zu bezweifeln, das diese jüdischen Elemente mit ihrer hervorragenden Beteiligung an der revolutionären Bewegung ihr einen starken Einschlag, und nicht immer einen günstigen gegeben haben und auf den schwierigen Wegen, welche die russische Revolution gegangen ist, mit verantwortlich sind. Es ist dabei nicht in solchem Maße an die letzte Wandlung der Revolution, an den Bolschewismus (nicht das heute herrschende System, sondern die Bewegung, die vielleicht gerade mit der Herstellung des Systems ihren Abschluß gefunden hat) gedacht als an die vorhergegangene liberale und kompromißsozialistische Phase und vor allem an die ganze jahrzehntelange revolutionäre Vorbereitungsarbeit. Es ist klar, daß dieser Typus, wenn man auch von seinen abenteuerlichen Abarten, von denen speziell wiederum die Revolution wimmelt, ganz absieht, keine Sympathien beim russischen Volke hervorrufen und vor allem ihm kein treues Bild vom russischen Juden geben konnte. Es handelt sich dabei nicht um subjektive Wertschätzung der russisch-jüdischen Intellektuellen; daß z. B. in zahllosen Reihen der jüdischen Revolutionsmärtyrer ethisch reine Figuren, Helden und Kämpfer, sich fanden, daran ist kein Zweifel und ihre Schönheit ist auch dem russischen Volke sicher nicht verschlossen geblieben; ebenso ist nicht daran zu zweifeln, daß diese Leute viel und schwer unter ihrem Doppelgesicht zu leiden hatten. Das Wesentliche ist aber nicht die persönliche Tragik, sondern die Tatsache, daß auch bei den besten von ihnen die Echtheit, die Bodenfestigkeit, die nur der Anschluß an das eigene Volkstum gibt, fast vollständig vermißt wird, während andererseits eine tiefgehende Assimilation, die wenigstens einen Ersatz für die verlorene jüdische Echtheit geben könnte, in Rußland mit seinen mehreren Millionen in Abgeschlossenheit lebenden Juden im Laufe der wenigen Jahrzehnte kaum möglich war. Diese Abstraktheit des russisch-jüdischen Intellektuellen mußte einen verhängnisvollen Einfluß auf seine Persönlichkeit und auf sein ganzes Werk ausüben, ganz unabhängig von den persönlichen Anlagen jedes einzelnen,