Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Von den russisch-jüdischen Beziehungen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 726 (sequence 5)
- Language
- German
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■726 Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen Rede sein kann. Viele Umstände haben dazu beigetragen, daß die jüdische Volksmasse dem russischen Volke fast vollständig unbekannt blieb. In diesem Sinne wirkte zuerst die Gesetzgebung und die ganze Polizeipraktik, die nicht nur den Juden den Zutritt in russische Gebiete verbot, sondern auch, sich im Seelischen widerspiegelnd, die Annäherung zwischen beiden Völkern äußerst erschwerte, indem der Jude natürlicherweise geneigt war, in jedem Russen seinen Feind zu sehen, mit dem ganz offen und ehrlich zu sein und sich ihm ohne Maske zu zeigen, gefährlich oder jedenfalls bedenklich ist. Dann kam noch der größtdenkbare Unterschied in Sitten, Gebräuchen, Tracht, Sprache, in der ganzen Lebensweise hinzu. So blieb die jüdische Volksmasse noch bis vor kurzem, bis zum letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts für das russische Volk eine terra incognita, ein Objekt im besten Falle des Mitleides, gewöhnlich aber der Verachtung und des offenen Hasses: hinter dem Vermittler, dem Makler, dem Händler sah man nicht einen Menschen mit göttlichem Antlitz, mehr noch — man hatte keine Ahnung von solcher Möglichkeit Wenn man aber bedenkt, daß auch für manche russisch-jüdische Intellektuelle die jüdische Masse eine glückliche Entdeckung neueren Datums ist, kann man sich nicht wundern, daß für die Russen, für welche die jüdische Vorsicht und Zurückgezogenheit eine wirkliche unübersteigbare Mauer bildeten, das jüdische Volk ein Haufen der schmutzig lebenden, schmutzig und seltsam angezogenen, laut schreienden und lebhaft gestikulierenden Markthändler war. So ist es bis etwa in die Mitte des letzten Viertels des XIX. Jahrhunderts geblieben, als ein neues Element des russisch-jüdischen Lebens auf die Szene trat, der russisch-jüdische Intellektuelle. Seine Figur hat sich allmählich seit den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, seit den Anfängen der Haskalah, herausgeschoben. Anfangs war er kein vollständiger Assimilant an Westeuropa; wenn er sich dem genähert hat, so geschah es erst in der allerletzten Zeit: zu tiefgehend waren die Wurzeln, die ihn an das jüdische Massenleben in Rußland anketteten. Sein Programm bestand von vornherein in einer möglichst schnellen Nachahmung Rußlands (Sprache, Kultur, Sitten). Das Schmerzliche an diesem Prozesse, das die besten der Haskalisten und Maskilim wohl fühlten, daß zusammen mit den alten Formen auch das Schöne, Edle und Erhabene, das sie bargen, verschwand, war nicht mehr im Bewußtsein der Epigonen, bei welchen die Annäherung in eine schonungslose Ausrottung von allem, was spezifisch jüdisch ist, ausartete. Die Ereignisse der 8oer Jahre haben wohl in dieser Strömung eine Krise hervorgerufen, die einem Teile der jüdischen Intellektuellen die Augen öffnete, den andern Teil aber zu desto schnellerem Hineinstürzen ins russische Leben veranlaßten, und indem der Verzweiflungsschrei von Pinsker anfänglich, bis zum partiellen Heranreifen der jüdischen Volksmasse selbst, unter den Intellektuellen ohne dauerndes Echo geblieben ist, beginnen sie jetzt schon ganz offen sich russisch zu verkleiden. Für die ersten Maskilim handelte es sich um Wohl und Wehe der jüdischen Masse und die Frage ging für sie eben um die Annäherung des jüdischen Volkes an die russische Kultur; die Generationen des letzten Viertels des XIX. und des ersten des XX. Jahrhunderts streben schon fast ausschließlich nach ihrer persönlichen Unterbringung im Rahmen des russischen Volkes, welchem gegenüber sie allmählich das alleinige Monopol auf die Vertretung des russischen Judentums erwarben. Es ist dann vollständig gleich, an welchen Strömungen, vor allem politischen, — so wie fast alles in Rußland bis zur Revolution politisch orientiert war — sie teilnehmen: ob sie ihrem persönlichen Temperament und ihrer sozialen Stellung folgend, Kadetten, Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre, Bolschewiken oder auch Bundisten wurden. Vom jüdischen Standpunkte aus gesehen, sind sie alle durch eine Programm-Verneinung des Judentums und durch gemeinsame psychologische Züge vereint. Sie bemühen sich dem russischen Volke einzureden, daß die Juden nur das eine denken, nur von einem träumen — von einer Verschmelzung mit Rußland; sie behaupten, daß die gesetzlichen Beschränkungen allein da*ran schuld sind, daß die Juden noch nicht vollständig assimiliert sind: sie konstruieren einen „Juden