Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Von den russisch-jüdischen Beziehungen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 725 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen 725. Kampfe verbluten? Vor allem: beruht dieser Zusammenstoß auf wirklicher und unüberwindlicher Gegensätzlichkeit der beiden Völker oder ist er vielleicht eine Folge eines für beide Teile verhängnisvollen Mißverständnisses? Denn es ist wohl wahr, daß die Judenabneigung überall dieselben Wurzeln hat: die Minderheitsstellung des jüdischen Volkes verbunden mit seiner Eigenart, aber ebenso wahr ist, daß der Judenhaß bei verschiedenen Völkern verschiedene Färbung hat und verschiedentlich betont ist, so daß auch die Aussöhnung mit der Umwelt verschieden große Aussicht auf Erfolg hat. Die obige generelle Erklärung wird man nur dann vollkommen treffend finden, wenn man annimmt, daß die jüdische Eigenart immer und überall der Eigenart des Wirtsvolkes gegensätzlich ist. Die Aufgabe besteht also darin zu untersuchen, ob und inwieweit das in Bezug auf verschiedene Völker der Fall ist. Und ein Mißverständnis liegt dann vor, wenn es sich herausstellen sollte, daß in einem gegebenen Fall keine grundsätzliche Gegensätzlichkeit besteht und daß der Zusammenstoß wenigstens zum Teil durch das gegenseitige Nichtkennen hervorgerufen wurde. Daß in Rußland die Ursache der beiderseitigen Abneigung ausschließlich oder hauptsächlich in Zarenpolitik zu suchen wäre, daran kann man nach den letzten Erfahrungen kaum glauben. Ebenso ist die Erklärung, die vielleicht für Polen teilweise zutrifft, d. h. die nationalistische Ausschließlichkeit, auf die Russen mit ihrem so schwach entwickelten Nationalgefühl nur in sehr beschränktem Maße anzuwenden. Man hat öfter versucht, auch den wirtschaftlichen Gegensatz zwischen den Juden und Rußland als Erklärung heranzuziehen, und tatsächlich spielen die ökonomischen Verhältnisse, in denen die Russen und die Juden zueinander stehen, eine gewisse Rolle für den Ausbruch des Judenhasses. Dieses Moment, d. h. die Gegenüberstellung der unmenschlich schwer arbeitenden 'Bauernmassen und der kommerziellen Oberschicht, wohl würdigend, muß man aber auch einerseits die relative Sicherheit, vor allem die persönliche, der nichtjüdischen Bourgoisie, die ebenso während der letzten Jahre in Sowjetrußland zum Vorschein kam, wie auch während der kontrevolutionären Abenteuer, die die unverschämteste Spekulation blühen gesehen haben, aber nur die Juden Hunderttausende von Todesopfern gekostet haben, andererseits den kleinbürgerlichen, faktisch halb- und ganzproletarischen Charakter der jüdischen Massen nicht außer Betracht lassen. Es mag vielleicht angehen, dem Westeuropäer vorzureden, daß die Juden vom revolutionär-anarchistischen Volke deshalb geplündert werden, weil sie die augenfälligsten Vertreter der gehaßten Wirtschaftsordnung sind; wenn der Europäer dann die statistischen Tabellen zur Hand nimmt, wird er tatsächlich feststellen können, daß so und so viele Juden Händler sind. Der russische Bauer aber, der in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Juden lebt und ihn nicht aus der Statistik, sondern aus dem realen Leben kennt, kann nicht wissen, daß der Jude im allgemeinen kein Ausbeuter, sondern ein ebenso schwer wie er arbeitender Mensch ist, nur mit viel geringerer Lebenssicherheit und auf Arbeitsgebieten, die viel weniger Freude und Befriedigung gewähren; wenn er gegen den Juden losstürzt, so weiß er genau, daß es sich nicht um Wucherer und Schieber, sondern eben um Juden handelt — die Identifizierung von Kapitalismus und Judentum ist in Rußland viel weniger als irgendwo anders am Platze. Die sogenannte „Erbschaft des Zarismus", dieser wirtschaftliche Gegensatz, zugleich die politische Unreife des russischen Volkes können als Teilerklärungen der Abneigung gegen die Juden in Rußland gelten; das Problem im ganzen ist aber sicher zu kompliziert und zu tiefverwurzelt, um mit diesen Faktoren erschöpft zu sein. Um wirkliche und nicht nur Scheinerklärung, um Ursachen und nicht nur Vorwände und Anlässe zu erhalten, muß man an das Wesen der Russen Und der Juden und an die Verhältnisse herantreten, unter welchen der gegenseitige Austausch der Ideen, Gefühle, Taten zwischen den beiden Völkern vor sich ging. Es ist dann vor allem festzustellen,, daß trotz der örtlichen Nähe im Laufe der mehreren Jahrhunderte von einem wirklichen Austausch, der die echten Produkte des Volksgeistes umfaßte, bis jetzt eigentlich gar nicht die