Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Von den russisch-jüdischen Beziehungen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 724 (sequence 3)
- Language
- German
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724 Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen hier wie bei uns wenn nicht tausendjährigen so doch genügend alten — Traditionen gezeigt, oder sind sie nicht vielmehr, ohne eine Spur des Eindringens und des Verständnisses, rücksichtslos gegen sie vorgegangen, versuchend, sie mit den Wurzeln auszurotten? Wenn man von äußerer Macht, von unserer rechtlichen und sozialen Zurücksetzung, von den blutigen Ausschreitungen absieht, kann man wirklich nicht behaupten, daß die feindlichen Gefühle und das Unverständnis einseitig wären; vielmehr muß man anerkennen, obwohl diese Anerkennung gerade in dem jetzigen Augenblick, wo die Leiden des russischen Judentums einen noch nicht dagewesenen Höhepunkt erreicht haben, schwere Überwindung kosten mag, daß das Unverständnis zum guten Teile gegenseitig war und ist. Daran ändert die Tatsache nichts, daß in den letzten Jahrzehnten viel russisches und jüdisches Blut gemeinsam geflossen ist, daß viele Juden und Russen durch aufrichtig empfundene Ideal- und Interessengemeinschaft verbunden waren und sind; es sind dies immer nur Ausnahmeerscheinungen, die zum größten Teil rein äußerlich geblieben, die noch dazu erst wenige Jahre alt sind und die, wie wir es eben jetzt sehen, keine Garantie für Dauer und Festigkeit bieten. Solange dieses gegenseitige Unverständnis, das so schwere Folgen gehabt hat, nicht beseitigt wird, solange wird man vergeblich auf eine wirkliche Besserung der Lage warten. Weder die abgeschmackten Versicherungen des russisch-jüdischen Liberalismus, daß die Juden eine echt russische Seele haben und keine Kommunisten in ihren Reihen haben (als ob der Konflikt sich wirklich um die jüdischen Volkskommissare drehte), noch die juristischen Minoritätsnormen, seien sie noch so ausgearbeitet und präzis, können diese Besserung herbeiführen — den Versicherungen wird niemand glauben, am wenigsten die Juden selbst, und sollten es die Russen tun, so werden wir es doch nur mit einer zweiten Auflage der formalen, rein rationalistischen, nicht gefühlsbetonten und deshalb keine Garantie bietenden Judenfreundschaft der Vorkriegszeit zu tun bekommen; und so nötig die Minderheitsrechte auch sind, wenn sie präexistierende Verhältnisse in feste Normen kleiden, so müssen sie tote Buchstaben bleiben, die zu nichts nützen und eher schädlich sind, solange das Wirtsvolk, von dessen überwiegender Mehrheit die Juden umschlossen sind, und das deshalb alle Mittel zur Verfügung hat, um gegebenenfalls alle Normen faktisch null und nichtig zu machen, diese unsere Rechte nicht im Geiste und in der Seele trägt. Wenn es in Rußland einmal soweit sein wird, daß ein innerlich begründetes Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Juden und der Russen möglich wird, werden die juristischen Normen wie aus sich selbst kommen; tritt dies aber nicht ein, so können sie, von politischen Körperschaften, die sich von prinzipiellen, wenn nicht gar von geschäftsordnungsmäßigen Erwägungen leiten lassen, uns gewährt und vielleicht auch von einer zukünftigen Friedenskonferenz, an der Rußland teilnehmen wird, uns garantiert,.— dennoch uns nur wenig nützen, denn wesentlich ist allein die Frage, ob die Juden und die Russen jemals eine gemeinsame innerliche Sprache finden werden. 2. Den furchtbaren Zusammenstoß zwischen dem jüdischen und russischen Volk müßte man zu ergründen und^*zu verstehen suchen, und sich dabei von billigen Trostworten und Erklärungen nicht beruhigen lassen. Denn von richtiger Beantwortung der Fragen, die mit den Wechselbeziehungen der beiden Völker in Zusammenhang stehen, hängen auch die weiteren Existenzmöglichkeiten der Millionen von Juden zusammen und vielleicht noch mehr als das. Die Geschichte hat den größten Teil unseres Volkes in unmittelbare Berührung mit dem zahlreichsten Volke Europas gebracht, das noch nicht zur modernen Zivilisation gelangt, in der Osthälfte Europas, an der äußersten Grenze Europas und Asiens, wohnt. Ist wirklich jede friedliche Nachbarschaft, jede Mitarbeiterschaft der Juden mit diesem Volke ausgeschlossen, und würden nicht, wenn diese Mitarbeit zustande käme, daraus unerwartete Folgen' erblühen, nicht nur für die Juden und Russen? Oder müssen diese zwei Völker einander ewig in einer unüberbrückbaren Feindschaft gegenüberstehen und in ewig"dauerndem gegenseitigem