Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Von den russisch-jüdischen Beziehungen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 723 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen: Von den russisch-jüdischen Beziehungen 723 etwas vermieden, die Charakterzüge aber, mit welchen die russischen Schriftsteller die Juden bedenken, werden kaum schöner und erhabener (Tschechoff, Arzybascheff, Ropschin). DieArbeiten, in welchen die Juden sympathisch erscheinen, sind fast immer Tendenzarbeiten, in welchen die gute Absicht der gutherzigen Leute sich in der Unlebendigheit der Typen verrät (Gorky, Tschirikoff). Auch in liberalpolitischen und revolutionären Kreisen tritt zur Zeit der Niederlage der ersten russischen Revolution eine. Krise ein und man beginnt auch hier von einem allzugroßen jüdischen Einfluß zu sprechen. Der Revolutionssturm hat die Sachlage noch mehr geklärt und die Judenausschrei tungen nach dem Sturz der zarischen Regierung haben die Unzulänglichkeit der beruhigenden Theorien noch deutlicher vor die Augen gestellt. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß keine von den politischen Parteien, die so lange um die Macht in Rußland kämpften, die Judenausschreitungen vorbereitet oder auch nur gewollt hat. Denikin und Wrangel, Petliura und Budennyi, Balachowitsch und Sawinkoff, sie verstanden alle sehr gut, daß die Pogrome ihnen die Sympathien der jüdischen Bevölkerung rauben und für ihre politischen Gegner ein ausgezeichnetes Propagandamittel darstellen, ihr eigenes Heer und die Etappe in Auflösung bringen. Trotz alledem haben die blutigsten Pogrome stattgefunden, die zum kleinen Teil durch Hetzpropaganda hervorgerufen, zum größeren aber sicher spontan entstanden waren. Andererseits hat dieselbe Revolution und ihre mannigfachen Geschicke bestimmte Kreise der russischen Intellektuellen ins antisemitische Lager getrieben, wo sich nunmehr die unverfälschten Vertreter der schwärzesten Reaktion mit Demokraten, Halbsozialisten und „Gottsuchern" zusammenfinden*). Diese Tatsachen sollten den alten vielverbreiteten Glauben an die Judenfreundschaft der russischen Bevölkerung und die alleinige *) Bezeichnend und mahnend sind insbesondere zwei Fälle: der SawinkofFs und Bulgakoffs. Sawinkoff, der ein begabter Literat und gleichzeitig Willens- und Aktionsmann ist, war vor dem Kriege ein Revolutionär und Terrorist und als solcher Judenfreund; jetzt ist er der politische Führer der Schuld des Zarismus endgültig erschüttern. Die Wahrheit ist vielmehr, daß die Juden in Rußland einerseits einem Volkshaß begegnen, der sich jeder Gelegenheit bedient, um sich in Ausschreitungen der bösesten Art Luft zu machen, andererseits, unter Intellektuellen, einer formellen Anerkennung ihrer Rechte und des Unrechtes, das ihnen geschieht, verbunden mit sehr geringer Sympathie, wenn nicht geradezu mit tiefer Antipathie, für welche dann jede Gelegenheit, jeder Vorwand gut genug sind, um sich mit dem Haß des Volkes zu verbinden oder selbst ihn zu schüren. Es muß aber andererseits gesagt werden, daß. auch das russische Judentum den Russen gegenüber , nicht viel freundlichere Gefühle beseelt haben, nur mit dem Unterschied, daß der politischen und sozialen Schwäche des jüdischen Volkes entsprechend, diese feindlichen Gefühle anderen Ausdruck finden mußten. Haben denn die Juden dem russischen Arbeiter und Bauer immer die nötige Hochachtung und Hochschätzung erwiesen oder nicht vielmehr ihn als geistig und intellektuell minderwertig betrachtet, in seiner Religion nichts als Götzendienst, in seiner Arbeitswilligkeit und in der Leichtigkeit, mit welcher er sich der äußeren Gewalt unterwirft, nichts als Stumpfsinn und Beschränktheit sehend? Gewiß ist in dieser Verachtung der Juden den Russen gegenüber viel von elementarem Seelenschutz des Schwachen und des Bedrückten, der irgend einen Zufluchtstrost haben muß, worin er sich gegen das Schwere, Bedrückende und Verletzende des realen Lebens retten kann; die Beziehungen werden aber deshalb nicht menschlicher. Aber vor allem: die jüdischen Intellektuellen, diejenigen die als aktive Mitarbeiter in das russische Leben eingegangen sind, haben sie genügende Verehrung der fremden Heiligtümer, der fremden — auch judenplündernden Banden. Bulgakoff, ehemaliger Marxist, dann ein warmer Christ und Theologe, immer aber ein Judenfreund, ist heute, nachdem er orthodoxer Priester geworden ist, ein Aufhetzer der schlimmsten Sorte, der sich nicht gescheut hat, in den Kirchen des ehemaligen Wrangelgebietes mit Hilfe der ihm unterstellten Geistlichen die Bevölkerung zu Fogromen aufzurufen,