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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 722

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Von den russisch-jüdischen Beziehungen
Date
1920-01-01
Page
722 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN VON DEN RUSSISCH-JÜDISCHEN BEZIEHUNGEN i. Mit keinem anderen Volke unserer Zeit sind Juden in so heftiger und schmerzlicher Weise zusammengestoßen wie mit Russen. Als der billige Vorwand des Zarismus noch zur Hand war, hatte man es leicht, alle Pöbelausschreitungen durch seinen Einfluß und durch seine Aufhetzung zu erklären; die alte und doch so unzulängliche Theorie vom Sündenbock sollte auch für diesen Fall dienen, als ob die Sündenböcke wirklich von außen her, von einer obenstehenden Macht angezeigt werden können und nicht vielmehr Äußerungen eines tiefen Volksinstinktes sind, der sich, wohl oft irrend, selbst seine Opfer auswählt, so daß die äußere Macht nur die Möglichkeit hat, sich ihrer zu ihren Zwecken zu bedienen, keinesfalls aber imstande ist, sie zu schaffen. Die jüdischrussische Intelligenz hat diese Theorie allzulange zu ihrer Beruhigung gebraucht; dennoch, stimmte sie schon zu Zeiten des Zarismus nicht mehr. Außerordentlich leicht war der Pöbel für Judenausschreitungen zu haben und daß es nicht nur Pöbel war, das war man gezwungen endlich einzusehen, als die Bauern mit Pferd und Karren in die benachbarten Städte zogen, wenn in die Dörfer die Kunde drang, daß die Juden geplündert wurden; außerordentlich selten waren die Fälle der tatkräftigen Verteidigung der Juden seitens der Russen während blutiger Ausschreitungen, wie es sicher der Fall gewesen wäre, wenn es sich um irgend einen einfachen Straßenkrawall gehandelt hätte und friedliche und unbewaffnete Menschen, dazu Kinder, Frauen und Greise, von vertiertem Gesindel angegriffen worden wären; die nachfolgenden Proteste waren dann allerdings heftig genug — den Zeiten entsprechend —, man vermißte aber oft den warmen menschlichen Unterton — es schien manchmal als ob man protestiere, weil es Pflicht sei, weil zu schweigen zu wenig demokratisch und liberal wäre. Noch mehr aber als in der Frage der Ausschreitungen, denen gegenüber immer die Entschuldigung der Machtlosigkeit blieb, mußte das merkwürdige doppelte Verhalten der sogenannten russischen Gesellschaft den Juden gegenüber auffallen. Die russische Intelligenz des ersten Dreiviertels des XIX. Jahrhunderts, zeigt ihnen nur wenig Sympathie, hingegen viel Unverständnis; die schöne Literatur und die Publizistik stellen sich übereinstimmend den Juden erstens als Ausbeuter, zweitens als zurückgebliebenen Fanatiker und unermüdlich-phantastischen Schöpfer der internationalen Geheimverbände vor. Jedes Verständnis der jüdischen Eigenart fehlt vollständig. Als dTe Ausschreitungen von 1881 ausbrachen, betrachtete sie ein Teil der öffentlichen Meinung als die Äußerung des gerechten Volkszornes, während der andere, radikalere Teil nur darüber besorgt war, daß diese Ausschreitungen nicht auch gegen christliche Schichten der Bevölkerung übergriffen, hingegen die Revolutionäre nicht davor zurückscheuten, den Judenhaß zu Umsturz- und Aufruhrzwecken auszunutzen. In der schönen Literatur ist der Jude fast ausschließlich feige, lächerlich, stumpf-fanatisch (Puschkin, Gogol, Turgenjeff, Dostojewsky). Mit dem letzten Viertel des XIX. und dem ersten Jahrzehnt des XX. Jahrhunderts wird die -Lage etwas anders, indem die Publizistik und die Politik sich der Juden annehmen; merkwürdigerweise ändert sich aber der jüdische Typus in der schönen Literatur nur sehr wenig — der früher gebräuchliche verächtliche Spitzname wird

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