Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 720

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
720 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106269--4688-3106324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S. J. Agnon: fier Verstoßene um die Schritte ihrer Schuhe zu hören, wenn sie zum Tanze schreitet mit dem Heiligen, gelobt sei er, und eine Melodie von Sonnenlicht begleitet ihren tanz. Aber das ist zu hoch für ihn, sieben Himmel trennen ihn von seinem Herrn, sieben Himmel und sein leiblicher Körper. Sein Herz zerging in ihm. Herr! Herr! schrie Gerschom aus dem Stöhnen seines Herzens. Du schufest das Paradies in deiner Welt und setztest die Flamme des zuckenden Schwertes an seinen Eingang. Möge es dein Wille sein, daß meine Gebeine in der Hölle verbrennen, wenn nur ein einziges kleines Staubkörnchen zu dir kommt, zu dir, Gott! Doch Gott ist in seiner prächtigen Hülle verborgen, -und die Himmel sind dort oben ausgebreitet, und wie soll die Seele sich zu ihrem Gott erkühnen! Aber eine himmlische Stimme gurrt wie eine Taube: wehe den Kindern, die vom Tisch ihres Vaters verbannt sind. * Sein Herz windet sich in Tränen, und die Seele ertrinkt in ihnen. Verbannt, verbannt vom Tische des Vaters! Und wann wird die Stunde für sie kommen, zu ihm, er sei gepriesen, zurückzukehren? Gott, wahrhafter König, ist denn die Stunde noch nicht gekommen? Mein Vater, sieh doch, sieh, die niedrige Welt, die du als einen Striegel geschaffen hast, um den Rost unserer Seele damit abzuschaben, ist so stumpf, was soll sie uns noch? Auch die Liebe zu den heiligen Büchern verging und verschwand, und er las kaum noch darin, aber ein Buch gibt es, und dies Buch ist in Wahrheit das allerheiligste. Darin quillt die Liebe der Jungfrau Israel zu dem Gatten ihrer Jugend in Sanftheit und Stärke. Heute lehrte ihn sein Rabbi die Verse des hohen Liedes, wie an dem Tag, wo das hohe Lied Israel gegeben wurde. Seine Seele wuchs, erwuchs wie ein Küchlein, das seine Schale gespalten hat. Ich will fliegen, weit umherschweifen, schreit Gerschom auf, der Enkel Rabbi Awigdors, des Vorstehers; das Lied der Lieder will ich singen! Heute beginnt der Sabbath des Herrn, und die Jungfrau Israel singt das hohe Lied vor ihrem Gatten, vor Gott. Die Abenddämmerung gleitet über Stadt und Menschen, die Kehle kreist ihm im Halse, wie bei einem Vogel, der zur Nacht sein Lied singt. Ich will auffliegen zum Hause Gottes, zum Samen Jakobs. Dort will ich dem Hause Jakobs künden, wie die Seele nach Gott dürstet und lechzt. So spricht Gerschom, der Enkel Rabbi Awigdors, wie der Laut eines Vogels, der den ersten Schlag seiner Flügel spürt. Der Tag neigt sich, der Abend kommt, und die Königin der Tage naht der Stadt Schibbusch. Die Töchter Israels ehren mit Lichtern ihr Antlitz, und Israel geht, sie mit Lied und Gebet zu empfangen. An den Türen der Häuser stehen fromme Jungfrauen, gekämmt und geschmückt zu Ehren des Sabbath. Und sie vergnügen sich in einem schicklichen Gespräch mit Menuchah, der Tochter Rabbi Sindels, die beim Lehrhaus steht, um Gerschom

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.